Infos aus Abidjan

An dieser Stelle finden Sie den jeweil aktuellsten Brief von Lotti Latrous oder weitere wichtige Neuigkeiten. Ältere Berichte sind im Archiv nach Jahrgang sortiert abgelegt:

 

September-Brief 2011

Liebe Gönnerinnen und Gönner

Ich hoffe, dass es Ihnen allen gut geht. Wir hatten eine sehr schwere Zeit. Nach dem Krieg waren Tausende obdachlos, Cholera- und Typhus-Epidemien mussten bekämpft werden, und es waren auch viele Fälle von Skorbut zu verzeichnen. Am schlimmsten war es aber für die Menschen, welche an Aids oder Tuberkulose leiden. Sie hatten während
mehreren Wochen keinen Zugang zu ihren Medikamenten und starben bei uns im Spital. Die Kinder ausserhalb unseres Heims litten an Unterernährung und an grosser Blutarmut. Dank unserer Hilfe geht es vielen von ihnen heute wieder gut. Das Land erholt sich langsam wieder und die Strassen werden repariert

.Dennoch wird es eine geraume Zeit brauchen, denn eine 10-jährige Vernachlässigung kann nicht von heute auf morgen ausradiert werden. Im Mai, Juni und Juli wurden jeden Monat über 3200 Menschen in meinem Sozialbüro beraten, welche dringend Hilfe brauchten.
Die Menschen sind mittellos und vom Krieg traumatisiert. Wir geben deshalb die meisten Medikamente gratis ab. Täglich müssen wir dasselbe Bild ertragen: arme, unbeschreiblich arme Menschen klopfen bei uns an. Können Sie sich vorstellen, keinen einzigen Rappen, kein Dach über dem Kopf und nichts zu essen zu haben?

GEMIMA


Gemina

Gemima ist ein kleines, dreijähriges Mädchen, welches von ihrem Vater zu uns gebracht worden ist. Er erklärte, dass sie ins heisse Wasser gefallen sei. Der Rücken, das Gesäss, die Beine und Füsse wiesen auf der Rückseite schwere Verbrennungen auf. Sie lag im Koma. Wir konnten sie nicht ins Spital für schwere Verbrennungen bringen, denn dieses wurde während des Krieges ausgeplündert und ist geschlossen. Wir brachten sie deshalb in mein Zimmer in unserem Spital. Gemima konnte nur auf dem Bauch liegen, jede Bewegung, jede Pflege war für sie eine Qual. Zu unserem Schrecken mussten wir feststellen, dass das kleine
Mädchen nicht nur an Verbrühungen litt. Sie hatte zudem einen gebrochenen Arm, eine ganz grosse Beule am Kopf und es fehlten ihr ein paar Zähne.

Ich nahm den Vater zur Seite und fragte ihn, wer sich um Gemima kümmere? Er erklärte, dass ihre Mutter seit einem Jahr tot sei und sich seine junge Freundin um sie kümmere. Ich fragte ihn, ob Gemima sich jemals beklagt habe. Er sagte, dass sie sehr weine, wenn er auf Arbeitssuche gehe, und nicht alleine mit der Tante bleiben wolle. Er habe gedacht, es sei nichts Ernstes und ihr erklärt, dass er gehen müsse, da sie sonst nichts zu essen hätten. Ich fragte ihn, ob er nie daran gedacht habe, dass sein Kind misshandelt werden könnte? Er
begann zu weinen. So sehr, dass mir selber die Tränen kamen. Er sagte, Gemima habe ihm nie etwas gesagt. Ich erklärte ihm, dass sich ein misshandeltes Kind aus Angst vor Strafe nie traue, über das Geschehene zu sprechen.

Wir hatten uns nicht getäuscht: die «Tante» hatte das kleine Mädchen an die Wand geschmettert, es umgestossen, ihre Zähne herausgeschlagen und sie von hinten mit kochend heissem Wasser überschüttet. Sie nannte Gemima eine Hexe und wollte sie umbringen…. Ich forderte den Vater auf, sich von seiner Freundin zu trennen und sie anzuzeigen. Er schmiss die Frau raus und liess seine Mutter aus einem Dorf kommen, damit
sie sich bei uns intensiv um die kleine Gemima kümmern konnte. Nach etwa 4 Monaten konnte sie wieder aufstehen und ein bisschen gehen und heute tanzt sie mit den anderen. Jetzt geht es ihr zwar besser, aber es werden neben den körperlichen auch seelische Narben zurückbleiben.

DER KIOSK

Kiosk
Gute Laune und fröhliche Menschen sind unsere grösste Freude.

Koechinnen

Endlich konnte eines unserer weiteren Projekte realisiert werden: Wir liessen einen Kiosk bauen. Ich kann mir Ihr erstauntes Gesicht vorstellen: Warum denn einen Kiosk? Ist Lotti jetzt verrückt geworden und fängt an Zigaretten, Kaugummi und Zeitungen zu verkaufen, an einem Ort, wo doch die meisten gar nicht lesen können? Nein, ein Kiosk ist bei uns eine kleine Imbissecke, wo man einfache Speisen konsumieren kann. Es war eine Notwendigkeit, diesen Kiosk zu bauen, denn viele unserer AIDS-Patienten bekommen wegen ihrer Krankheit nirgends im Quartier etwas zu essen und haben Hunger. Jetzt können sie bei uns essen und
trinken. Auch das Personal und ich selber können hier essen und wenigstens sicher sein, dass alles sauber ist, dass die Köchin, eine unserer AIDS-Mütter, sauber und gut kocht. Jetzt können wir hungrigen Menschen ein subventioniertes Essen abgeben. Und dank des Kioskes haben zwei Frauen Arbeit. Viele unserer Nachbarn, welche skeptisch waren und Angst hatten, in einem AIDS-Zentrum zu essen, haben verstanden, dass man nicht
angesteckt werden kann, und es kommen immer mehr und mehr Menschen. Diese Einrichtung macht uns sehr grosse Freude.

KINDERAUSFLUG


Unsere Kinder haben hier länger Sommerferien als in der Schweiz. Diese Zeit ist schwierig für alle: wenn sich über 50 Kinder während der Regenzeit den ganzen Tag zu Hause auf kleinstem Raum aufhalten, muss man sich etwas einfallen lassen, um sie zu beschäftigen. Und so mieteten wir wieder einmal einen verrosteten, uralten Bus, bereiteten ein Picknick vor und fuhren mit den Kindern auf die Krokodil-Farm, welche 60 km entfernt am Strand liegt. Der Tag war ein wunderbares Abenteuer: die Kinder waren glücklich, denn sie
hatten noch nie echte Krokodile und Schlangen gesehen. Immer und immer wieder sagten sie, was für ein Glück es für sie sei, bei uns leben zu dürfen.Schlangen

Wir danken Ihnen allen aus ganzem Herzen für Ihre Hilfe. Dank Ihnen, können wir Kinder am Leben erhalten, ihnen eine Zukunft und Hoffnung geben. Ich wünsche Ihnen alles nur erdenklich Gute und Schöne.

Ihre
Lotti Latrous