| Die
Rezension von
Helga Schabel vom "Anzeiger", dem
Wochenmagazin der Ostschweiz.
Anschaulich und einfühlsam hat Gabriella Baumann-von Arx in «Lotti,
La Blanche» das Engagement der Schweizerin Lotti Latrous in den
Elendsvierteln von Abidjan geschildert, den Aufbau des Zentrums mit Ambulatorium
und Spital, die Pflege der Schwerstkranken, die liebevolle Begleitung
der Sterbenden, die Betreuung der Waisen. Man las das Buch mit Bewunderung
für eine starke Frau.
Und doch blieben Fragen, etwa zu Motivation und Verfassung der Hilfswerkgründerin.
Antworten darauf gibt nun der zweite Band «Madame Lotti».
Er beschränkt sich nicht mehr nur auf die Schilderung der äusseren
Zustände, nach wiederholtem Aufenthalt in Abidjan kann die Autorin
nun in die Tiefe gehen, kann mit der mittlerweile zur Freundin gewordenen
Lotti Latrous über ihre Motive, ihre Gefühle, über Leben
und Tod sprechen.
Schlüsselstellen
sind Lottis Schilderungen ihrer Zerrissenheit zwischen den beiden unterschiedlichen
Welten sowie jenes Kapitel, in dem Lottis Ehemann Aziz zu Wort kommt:
Ein ungemein verständnisvoller, hilfsbereiter Mensch, der erkannt
hat, dass er Lotti gehen lassen muss, um sie nicht zu verlieren.
Eine Liebesgeschichte von shakespearscher Dimension - die Gabriella Baumann
echt und frei von Pathos erzählt. Doch auch in den Alltagsszenen
sieht sie wieder genau hin, nennt all die schrecklichen Dinge beim Namen,
die körperlichen Leiden, die unglaublichen hygienischen Verhältnisse.
Da kommt ihr wohl ihre Erfahrung als Arzthelferin zugute... Ein Buch,
das zu Herzen geht, und das nach Fortsetzung schreit. Stoff dazu gibts
ja wohl reichlich. |
5. März 2004:
Kurz nach zwei Uhr nachmittags erreicht mich über den
Wolkeneine Durchsage, die mich zutiefst beunruhigt: «Meine Damen
und Herren, es tut mir Leid, aber wir werden nach Paris zurückkehren.
Das Wetter in Abidjan ist so schlecht, dass ein Weiterflug keinen Sinn
hat. Um unser Landegewicht zu erreichen, müssen wir Kerosin ablassen.
Wenn Sie zum Fenster hinausschauen, sehen Sie dieses als weissen Strahl
aus dem Flügel schiessen. Wir bitten Sie um Verständnis. Danke.»
Wie bitte? Zurückkehren?
Nach einer halben Stunde Flug? Wegen schlechten Wetters in Abidjan, das
noch mehr als fünf Stunden entfernt ist? Nie im Leben! Ich weiss
sofort, der Kapitän sagt nicht die Wahrheit, bin überzeugt,
die Boeing 777-200 wird vom Himmel stürzen. Und dies in Kürze.
Die nackte Angst schleicht sich von meinem Rücken her in meinen Bauch.
Verknotet sich im Magen. Wird Kälte. Kälte, die langsam, aber
stetig Richtung Herz und von dort über die Halswirbel zum Kopf kriecht,
wo sie über mein Gehirn zur Schädeldecke hochschleicht und sich
unter den Haarwurzeln festkrallt. Beine und Füsse sind gefühllos.
Draussen
vor dem Fenster schiesst ein Strahl Kerosin in einer messerscharfen weissen
Linie in den blauen Himmel, zerschneidet diesen in ein Unten und Oben.
Vorher und Nachher. Dunkel und Hell. Himmel und Hölle. Leben und
Sterben. Jetzt? Wenn mir ein letzter Wunsch in Erfüllung gehen könnte,
dann dieser: dass meine Liebsten mich nicht für meinen Tod verantwortlich
machen. Hinterbliebene stellen oft ähnliche Fragen: Warum musste
sie auch dort hinfliegen? Warum musste er auch so viel rauchen? Warum
konnte er nicht aufs Motorradfahren verzichten? Fragen, die – oft
unausgesprochen – in einen einzigen Satz münden: «Das
musste ja so kommen!» Muss es nicht! Es kommt einfach, wenn es kommt.
Man kann auch im Zug verunglücken. Auch ein Nichtraucher stirbt an
Krebs. Auch Autofahrer und Fussgänger verunfallen. Der Tod gehört
zum Leben. Und – die Stunde des Gehens ist schon in der Stunde des
Kommens definiert. Wenn es Zeit ist, ist es Zeit.
So zumindest hat
es Lotti immer gesagt, als ich sie im Juni 2003 persönlich kennen
lernte. Ich landete an einem Freitag, den dreizehnten, zum ersten Mal
in Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste, in Westafrika.
Noch ahnte ich nicht, wie diese Reise mein Leben beeinflussen würde.
Kurz bevor ich damals
den Flug nach Hause antrat, löste ein grosser afrikanischer Junge,
gut gekleidet, mit weiten kurzen Hosen, einem blütenweissen Polo-Shirt
und einer Baseballmütze, in der Abflughalle des Flughafens von Abidjan
die ganze Verzweiflung aus, die sich in den Tagen davor aufgestaut hatte.
Das heisst, eigentlich war nicht er es, sondern seine Sportschuhe,
die mir die Tränen in die Augen trieben. Nikes, hoch und weiss und
nigelnagelneu. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass die Füsse des
kleinen Emanuel, falls er überlebte, was damals mehr als fraglich
war, nie in nigelnagelneuen Schuhen stecken würden.
Vier Tage später
erschütterte mich, in der Innenstadt von Zürich, ein mit Blaulicht
und eingeschaltetem Martinshorn vorbeirasendes Krankenauto. Oder vielmehr
die Tatsache, dass die Welt bei uns – um ein Menschenleben zu retten
– für ein paar Sekunden stillsteht. Autos halten bei Grün,
fahren zur Seite, machen Platz. Strassenbahnen bleiben, wo sie sind. Fussgänger
halten inne.
Afrika hat mich gelehrt,
dass es auf dieser Welt Menschen gibt, die nie auf ein Krankenauto hoffen
können, das sie – mit Blaulicht und Sirenengeheul – in
ein hochmodernes Krankenhaus bringt. In Schwarzafrika, so wird der Teil
des afrikanischen Kontinents genannt, der sich südlich der Sahara
befindet, kann man noch so schwer verletzt oder sterbenskrank in einem
Strassengraben oder vor einem Nachtclub liegen, kann man ein noch so kleines
Kind sein, Hilfe zu bekommen ist ganz einfach unerschwinglich.
Meine Erlebnisse
in Adjouffou beeinflussen mein Leben insofern, als ich versuche, den Moment
zu leben. Nicht das Morgen, nicht das Gestern. Auch nicht das Heute. Es
ist das Jetzt. Ich hatte gelernt, dass Zufriedenheit wieder und wieder
aus der Fähigkeit geboren wird, den Augenblick zu erfassen. Die Blume
am Wegrand zu sehen, den Vogel im Baum, das lachende Kind. Die Zartheit
einer Berührung wahrzunehmen, die wunderbare Frische eines tiefen
Schlucks aus einer Bergquelle, die wärmende Sonne auf nackter Haut.
Das Prasseln des Regens zu hören, die Musik eines im Wind wogenden
Weizenfeldes, die absolute Stille, die uns manchmal, für Sekundenbruchteile,
umgeben kann.
Mit Lotti hatte ich
- als sie zur Lancierung des Buches in die Schweiz kam - wunderbare solche
Momente. Augenblicke, die uns zu Freundinnen machten. Als ich ihr beim
Abschied sagte, ich würde bestimmt wieder kommen, irgendwann, meinte
sie: «Irgendwann? Was ist mit dem Moment? Komm bald!»
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