Lotti Latrous (51) gab ein Leben im Luxus auf. Heute pflegt sie Aidskranke in Afrika.
 

Sie hatte Villa und Ferienhäuser, pendelte zwischen Partys und Empfängen. Aber dann sieht sie das Elend der Aids- kranken in Afrika. Und kann nicht mehr weiterleben wie bisher: Konsequent lässt Direktoren-Ehefrau Lotti Latrous allen Luxus hinter sich. Heute lebt sie in einem Slum an der Elfenbeinküste, besitzt drei Jeans und vier T-Shirts. Sie versorgt Kranke und hält Sterbende im Arm.

Der Mann lag am Straßenrand, eingewickelt in einen schwarzen Müllsack. Er war ausgetrocknet, zu schwach, um die Ameisen zu vertreiben, die über ihn krabbelten. Die Leute im Slum Vridi Canal wussten, dass er dort lag. Seit zehn Tagen schon. Ab und zu hat­ ten sie ihm etwas Wasser und ein paar Essensreste hingestellt.

Lotti Latrous (51) erzählt: „Wir haben ihn in die Ambulanz gebracht. Dort hat er noch acht Tage gelebt." Acht Tage lang hat sie mit Monsieur Rene - so sein Name - geredet, ihn gestreichelt. So wie sie es mit allen Sterbenden macht.

Für Lotti Latrous ist es das Wichtig sie, todkranken Aids-Patienten Liebe zu geben. Sie hat kein Problem damit, die Kranken zu berühren. Sie kennt keine Vorurteile. Und das ist alles andere als selbstverständlich - gerade in Abidjan an der afrikanischen Elfenbeinküste. „Aidskranke werden hier behandelt wie Aussätzige, die Pest haben. Sie werden nicht mehr an gefasst.“  

Es sei denn, sie landen im Sterbehospiz von „Lotti, La Blanche" (die Weiße). Seit zwei Jahren gibt es das „Centre Espoir d'Eux" (Zentrum der Hoffnung II) im Slum Adjouffou. Drei Jahre vorher hatte Lotti die Ambulanz „Centre Espoir" (Zentrum der Hoffnung) eröffnet. ,,Monsieur Rene hat mir beigebracht, dass Aidskranke einen Ort brauchen, an dem sie in Würde sterben können, angenommen und geliebt." 150.000 Menschen wurden bisher ambulant behandelt, 680 Aids-Patienten im Hospiz aufgenommen, 360 von ihnen starben.

Auch Aicha. Mit 13 rennt sie vor ihrem prügelnden Vater weg. Um Essen kau fen zu können, arbeitet sie als Prostituierte. Um das auszuhalten, pumpt sie sich mit Drogen voll. Fünf Jahre später kriegt sie schlimmen Durchfall. Sie wird von der Caritas aus einem Straßen­graben geholt und zu Lotti gebracht. Aichas größter Wunsch: Eine Nacht lang Lottis Hand halten zu dürfen! Lotti spürt, dass das Aidsvirus Aicha nicht mehr viel Zeit lässt. Als das Mädchen stirbt, ist es gerade 19 Jahre. Aber sie stirbt nicht allein, sondern bei Menschen, die bis zur letzten Sekunde ihre hand halten, um sie weinen.

Die Menschen in den Slums von Abidjan sind froh, dass es Lotti und ihre inzwischen 28 Mitarbeiter gibt. Aber ein Rest Misstrauen bleibt. Lotti: „Die Nachbarn haben uns am Anfang nicht gerade geliebt. Unsere Patienten weinen, stöhnen und schreiben. Wir haben erst auch niemanden gefunden, der unseren Müll abholte. Müll von Aids-kranken? Davor hatten die Leute Angst.“ Doch dann breitete sich die Seuche immer weiter aus. „Es gibt heute keine Hütte mehr, die nicht betroffen ist. Jetzt bringen die Nachbarn uns ihre Verwandten zum Sterben.“

Mütter und Kinder liegen Lotti besonders am Herzen. „Sie sind am schlechtesten dran. Hat eine Frau Aids, haut der Mann ab. Stirbt die Mutter, bleibt das Kind allein, ist vielleicht sogar selbst infiziert. Um ihnen zu helfen, wollen wir ein Mutter-Kind-Heim aufbauen", sagt Lotti. Dort sollen auch 20 kleine Waisen leben, infizierte Kinder wie Moha med (2), Antoine (7 Mon.). Christ (4) und Emanuel (3). „Wenn ein Kind stirbt, möchte ich alles hinwerfen. Aber dann wäscht mir Monsieur Konate, unser Nachtpfleger, den Kopf - und es geht weiter.“

Warum geht Lotti diesen schwierigen Weg? Warum hat sie Wohlstand und Sicherheit aufgegeben? Warum wischt sie lieber Er­ brochenes weg, wechselt Durchfall-Windeln? Mit 19 Jahren heiratet Lotti den sechs Jahre älteren Tunesier Aziz, der in der Schweiz studiert. Kurz darauf reisen beide um die Welt. Aziz baut für den Konzern Nestlé Fabriken im Ausland auf. Er macht Karriere. Alle paar Jahre ziehen Lotti, Aziz und die Kinder Selim (heute 25), Sonia (23) und Sarah (15) um - nach Jeddah, Nigeria, Kairo und schließlich Abidjan. Dort hilft Lotti im Aidskranken­ haus von Mutter Teresa. Sie lernt. Spritzen zu geben, Verbände zu wechseln, Infusionen zu legen. Anders zu denken: „Plötzlich erschien mir meine Welt als Direktorengattin so hohl. Hier die leidenden Menschen ohne Perspektive. Dort meine Villa mit Pool und Personal. Ich konnte nicht mehr akzeptieren, dass Menschen sterben müssen, weil sie nicht genug Geld oder zu essen haben." Mit einem Arzt zieht sie durch die Slums. Sie beginnt bei reichen Freunden und Sponsoren Geld für eine Ambulanz zu sammeln, schwatzt der Ge­meinde ein Stück Land ab, findet einen Architekten, der umsonst arbeitet. Am 1. Februar 1999 ist es so weit: Lottis Ambulanz öffnet ihre Türen.

In ihrer Ehe aber - Aziz wird zurück nach Kairo versetzt - beginnt es zu kriseln. „Die erste Zeit pendelte ich zwischen Ägypten und Abidjan. Ich wurde meinem Mann und den Kin­dern gegenüber immer gereizter. Während ich in Kairo war, starben meine Kranken in Adjouffou." Schließlich klärt Aziz die Lage. „Bevor aus unserer Liebe Hass wird", sagt er zu Lotti, „geh ganz dorthin, wo man dich braucht. Und komm zu uns, wenn du es wirklich möchtest.“

Lotti reist zurück nach Adjouffou. „ich hatte das Gefühl, Gott braucht mich an diesem Ort. Früher war ich nicht sehr gläubig. Wenn man ein schönes, weiches Leben führt, braucht man Gott nicht. Aber jetzt spüre ich, dass er mich schützt, mir die Kraft gibt, immer wie der dem Tod zu begegnen, ohne daran zu zerbrechen. Ich habe auch keine Angst davor, mich anzustecken." Und so sammelt sie Men­schen aus ihrem Kot auf, wäscht sie. versorgt offene Wunden, legt sie in ein sauberes Bett, gibt ihnen Essen, Arznei - und natürlich ihre Liebe. „In der Arbeit mit den Kranken habe ich gelernt, was selbstlose Liebe ist. Ich stelle keine Bedingungen, halte keine Moralpredigten. Und die Kranken nehmen meine Liebe an, einfach so.“

Drei Jeans und vier T- Shirts besitzt Lotti noch. Jeden Cent, den sie sammelt und erbettelt, steckt sie in Medikamente oder neue Betten, „Ich lebe von zwei Schweizer Franken pro Tag." Das sind ein Früstück und ein einfaches Mittagessen. Unterstützt wird sie von ihrem Mann. „Wir sind uns wieder näher gekommen. Ich bin Aziz und meinen Kindern so dankbar, dass sie mich los­gelassen haben.“

Losgelassen, damit sie ihrer Berufung nachgehen kann - aufzuklären, zu helfen und gegen das Aids-Virus zu kämpfen. Lotti: „ Fir­men, die Aids-Medikamente nicht günstig abgeben, begehen ein Verbrechen gegen die Menschheit. Aber Wut allein nützt nichts. Ich versuche auf meinem Platz zu helfen - und habe so meinen Frieden gefunden. Es stimmt wirklich: Wer ein Men schenleben rettet, rettet die ganze Welt!“

Martina Ollech

45/2004 BILD der FRAU 39