Im Gespräch mit Lotti Latrous

Lotti Latrous – „La Blanche“, so nennen sie die Menschen in den Slums von Abidjan. In Afrika leben 70 Prozent aller weltweit an Aids Infizierten; alle acht Sekunden stirbt ein Mensch an dieser Krankheit. Die Schweizerin Lotti Latrous wollte dem Elend nicht tatenlos zusehen und beschloss zu handeln. Sie eröffnete eine Ambulanz in den Slums von Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste und später kam noch ein Aids-Hospiz hinzu.
mygoodbye führte mit Lotti Latrous dieses Interview und fragte unter anderem nach, wie sie selbst dem Tod gegenübersteht.

mygoodbye: Welches Erlebnis war für Sie ausschlaggebend, Ihr Leben so zu verändern und sich mit Menschen zu beschäftigen, die dem Tod geweiht sind?

Lotti Latrous: Das ausschlaggebende Ereignis, das mir die Erkenntnis, wie schlecht es vielen Menschen auf dieser Welt geht, buchstäblich ins Haus brachte, war ein kleines Mädchen, das an unsere Haustüre klopfte, die Hand ausstreckte und um ein Stück Brot bat. Ich kam gerade von den Einkäufen zurück, brachte kiloweise Fleisch und frisches Gemüse mit, das unser Koch zu Hundefutter verarbeiten musste, da wir in Abidjan keine Nahrung für unsere beiden Hunden kaufen konnten. Das kleine Mädchen berührte tief in mir einen Punkt und dies so schmerzhaft, dass ich einfach etwas tun musste, um diesen Schmerz zu lindern. Kurz darauf ging ich als freiwillige Helferin ins Mutter Teresa Spital, wo ich bald feststellen musste, dass es neben der Pflege und dem Zuhören, dem Streicheln und dem Trösten auch darum ging, viele der Patienten in den Tod zu begleiten.

mygoodbye: Nach all den Erfahrungen, die Sie mit sterbenden Menschen gemacht haben, können Sie uns sagen, was für einen sterbenden Menschen wirklich wichtig ist?

Lotti Latrous: Das Wichtigste ist, dass man dem sterbenden Menschen die Wahrheit sagt, damit er von seinem Leben Abschied nehmen kann. Nur so erhält er die Gelegenheit noch zu erledigen, was ihn vielleicht seit Jahren beschäftigt und nur so kann er mit sich ins Reine kommen. Er sollte Zeit haben, um Leute, die er verletzt hat, um Entschuldigung zu bitten. Und es wäre schön, er könnte seine Familie trösten, indem er sagt, dass er zu gehen bereit ist.

mygoodbye: Erkennen Sie persönlich aus Ihrer Auseinandersetzung mit dem Tod, dass sich sowohl für junge, als auch für alte Menschen Fragen ergeben, die jeder für sich in seinem Leben beantworten sollte?

Lotti Latrous: Junge Menschen wissen das nicht, das kommt mit dem Alter. Also muss man jungen Menschen dabei helfen, sich die Fragen zu stellen, welche sie noch vor dem Tod beantworten sollten.

mygoodbye: Was denken Sie persönlich darüber, was mit Ihnen geschieht, wenn Sie sterben?

Lotti Latrous: Wenn wir sterben, ist das die Geburt ins ewige Leben. Wir ziehen aus unserem Körper aus, fliegen davon und lassen diesen Körper wie einen Mantel zurück. Genauso, wie wenn wir diesen ablegen, wenn wir von der Kälte in die Wärme kommen. Die Seele erhebt sich ins ewige Leben. Wir werden unseren ganzen Lebensweg vor uns sehen und endlich auf alle Fragen eine Antwort finden. Wir werden schlussendlich verstehen, dass alles so kommen musste wie es kam.

mygoodbye: Haben Sie etwas vorsorglich für die Menschen getan, die Sie lieben und die mit Ihrem Tod irgend wann zurecht kommen müssen?

Lotti Latrous: Ich habe Ihnen gesagt, dass sie niemals um mich trauern dürften; dass ich in Liebe, Wärme und Geborgenheit sei, dass ich noch bei ihnen bin, aber einfach nicht mehr mit dem Körper. Der Tod ist nicht traurig, sondern die Geburt des echten, ewigen Lebens. Der Tod erlaubt uns, aus dem jetzigen Leben zu entfliehen, um endlich Frieden und Liebe zu finden. Also nicht trauern, sondern dankbar sein.

mygoodbye: Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Möglichkeit hätten Ihr Leben noch einmal bis zu Ihrem 16. Lebensjahr zurückzudrehen?

Lotti Latrous: Überhaupt nichts, denn nicht wir beschließen unseren Werdegang, sondern er wird von oben gesteuert. Nichts geschieht ohne den Willen Gottes. Wir können nur dankbar sein und IHM vertrauen – ER weiß, was gut für uns ist; auch wenn wir es nicht verstehen und nicht akzeptieren können.

mygoodbye: Das Internet-Portal mygoodbye versucht das Tabu-Thema Sterben und Tod mehr in den Alltag zu integrieren und zu enttabuisieren. Wir denken, dass Menschen, die sich rechtzeitig mit dem Thema Sterben auseinander setzen, das Leben wertvoller und verantwortungsvoller erleben und gestalten. Wie stehen Sie dazu?

Lotti Latrous: Wenn man uns von klein auf die richtige Rolle des Todes erklären kann und uns wissen lässt, dass er jeden Moment eintreten kann, würden wir sicher unser Leben reicher, sinnvoller und anders gestalten. Wir würden uns nur noch um das Wichtigste bemühen und Oberflächlichkeiten kämen nicht mehr auf. Die Liebe, die Nächstenliebe, die Einfachheit, die Freundschaft etc. wären dann die wichtigsten Werte. Einfach – aber ehrlich – einander helfen und sich gegenseitig unterstützen. Je mehr man sich um seine Mitmenschen kümmert, desto besser ergeht es einem selbst.

mygoodbye: Glauben Sie, dass das Alter bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod eine wichtige Rolle spielt?

Lotti Latrous: Das kommt auf die Erziehung an. Wenn ich meinen Kindern von klein auf den Tod und das Leben richtig erkläre, werden sie von selbst damit aufwachsen und es als normal ansehen. Wenn man den Kindern nichts erklärt, gibt man ihnen auch keine Chance, sich früh damit auseinanderzusetzen und sie werden alt bevor sie daran denken. Was sehr, sehr schade ist, denn es ist eine verpasste Chance.

mygoodbye: Woher holen Sie Ihre Kraft im täglichen Umgang mit Sterbenden?

Lotti Latrous: Aus der Überzeugung, dass der Tod die Geburt zum ewigen, echten Leben ist. Aus der Überzeugung, dass man sich davor nicht fürchten muss, sondern sich freuen darf. Freuen darauf, endlich keine Schmerzen und keinen Hunger mehr zu haben, darauf, endlich echt geliebt zu werden. Dazu brauche ich keine Kraft, sondern kann hier, wo der Tod für so viele junge, aidskranke Menschen Erlösung bedeutet, oftmals einfach Danke sagen. Danke sagen, dass sie heimgehen durften.

mygoodbye: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Kraft und Erfolg bei Ihren Vorhaben, Frau Latrous.