((Viel Textmaterial zur freien - auch auszugsweisen - Veröffentlichung))
 
«Madame Lotti» – ein Buch, das Kraft gibt.
 

Mit dem Bestseller «Lotti, la Blanche» hat Gabriella Baumann-von Arx ein einfühlsames Porträt über die Schweizerin Lotti Latrous geschrieben und Aids in Afrika ein Gesicht gegeben. Nun, genau ein Jahr später, ist die Fortsetzung da: «Madame Lotti – Im Slum von Abidjan zählt nur die Liebe».

Auf jeder der 224 neuen Seiten ist sie spürbar, fast noch ein bisschen intensiver als im ersten Buch: diese Kraft, diese Energie, welche Lotti Latrous, die zierliche, aber starke Frau, ausstrahlt.

Die Reaktionen auf das erste Buch und die vielen, nicht nachlassenden Nachfragen, wie es Lotti und ihren Patienten gehe, dem blinden Felix und dem kleinen Emanuel etwa, lieferten Gabriella Baumann-von Arx den Vorwand, Lotti erneut zu besuchen. Diese Frau, die mit unbändigem Willen für aidskranke Kinder, deren Mütter, für mittellose Familien und Randständige kämpft, die keine Aussichtslosigkeit zu kennen scheint.

Die Autorin ist – nach ihrem dritten Besuch in Adjouffou – keine Beobachterin mehr, sondern Beteiligte. Nur so konnte sie Lottis Rezept wirklich kennen lernen, das Aids nicht heilt, aber Aidskranken Hoffnung gibt, jeden Tag: die Liebe.

Im neuen Buch kommt auch Lottis Mann Aziz zu Wort, den die Autorin in Kairo, wo er mit der jüngsten Tochter lebt, besuchte. Die Geschichte der besonderen Liebe zwischen Lotti und Aziz ist der Schlüssel zum ersten Buch; die Akzeptanz der Kinder wird begreifbar. Und in Tagebuchauszügen von Lotti wird klar, wie viel Kraft und Selbstzweifel es sie kostete, ihre Sinnsuche nicht abzubrechen, sondern ihren Weg weiter zu gehen. Auch dann noch, als sie fast daran zerbrach.

Das neue Buch erinnert uns Leser im gut situierten Europa daran, wie wichtig es ist, auf die innere Stimme zu hören, und wie bereichernd es wäre, jeden Augenblick bewusst zu erleben. Die Autorin wagt den Versuch, uns mit Sterben und Tod zu konfrontieren, und schafft es – ein Stück weit zumindest –, uns mit der eigenen Vergänglichkeit auszusöhnen. Mit jeder Zeile wird fassbarer: Das Wichtigste im Leben ist nicht das Über-, sondern das Erleben.

Viel Lust aufs Leben weckt dieses Buch … und auch Tränen. Ganz viele sogar, aber solche, die nicht nur wehtun, sondern Kraft schenken. «Tout ce que Dieu fait est bon.» So sagen es die Menschen in der Elfenbeinküste .

 
 
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Interview mit Lotti Latrous.
 
von Sirio Flückiger
 
(Die Bemerkungen zur Lage in der Elfenbeinküste beziehen sich auf die kritische Situation im November 2004.)
 

In der Elfenbeinküste spitzt sich die Lage immer mehr zu. Die Ausländer werden evakuiert, Sie aber möchten so schnell wie möglich zurück in den Slum von Adjouffou – warum?

Sehen Sie, in der Elfenbeinküste ist mein Leben. Ich bin dort zu Hause, nein, mehr noch, ich bin dort verwurzelt. Ich möchte bei meinen Mitarbeitern sein, bei meinen Kranken, bei den Kindern. Es ist ganz schlimm, aushalten zu müssen, dass ich in diesen Tagen, wo wir nicht wissen, wie alles weitergeht, nicht im Slum sein kann. Das Einzige, was ich hier tun kann, ist wie ein verwundeter Wolf heulen, und das Einzige, was ich mit meinen gebundenen Händen tun kann, beten. Es ist schon verrückt, die einen bekriegen sich, die anderen beginnen mit ihren Weihnachtsvorbereitungen.

Haben Sie keine Angst? Was sagt Ihre Familie?

Ich habe Angst, ja, aber nicht davor, runterzugehen, sondern davor, NICHT runtergehen zu können. Meine Familie ist natürlich froh, dass ich hier in Kairo bin, sie verstehen mich aber gut und versuchen mich zu trösten. Die Idee aber, dass ich – sobald ich kann – wieder runtergehe, gefällt ihnen ganz und gar nicht.

Randalierer wollten beide Zentren in Brand stecken, Ihre Mitarbeiter wurden bedroht. Was ist der aktuelle Stand der Dinge?

Es war eine Drohung, man hat uns in Ruhe gelassen. Die Angst aber, die sie mit ihrem Gebaren in uns allen hervorgerufen haben, die sitzt uns nach wie vor im Nacken.

Was bedeutet der Bürgerkrieg für Ihr drittes Projekt, das Mütter- und Kinderheim, das im Dezember eröffnet werden soll?

Das Mütter- und Kinderheim hätte ein Weihnachtsgeschenk sein sollen. Allem voran für die Waisen, die im Sterbespital leben. Die Kinder hätten endlich ohne den immer präsenten Tod leben sollen, sie hätten endlich ihre eigenen kleinen Betten haben sollen, ihren eigenen kleinen Kasten. Im Moment weiss ich nicht, wie es dort unten weitergehen wird, eines weiss ich sicher, das Heim wird zu Weihnachten bestimmt nicht fertig.

Wie wirkt sich die fürchterliche Situation im Land auf die Versorgung der Menschen aus, die Sie betreuen?

Momentan haben Sie noch genug zu essen, da wir immer mit einer Eskalation gerechnet und uns mit Nahrungsmitteln eingedeckt haben. Das grösste Problem sind die Medikamente, die zur Neige gehen oder schon aufgebraucht sind. Aidsmedikamente muss man pünktlich und regelmässig einnehmen. Wird eine Therapie unterbrochen, können sich Resistenzen entwickeln, ferner wird die Krankheit dann schneller ausbrechen. Gerade für die Kinder wird es ganz schwierig, wenn sie die Tabletten nicht mehr bekommen. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass meinen Mitarbeitern das Geld ausgehen wird und ich keine Möglichkeit sehe, dass jemand von ihnen auf die Bank gehen könnte.

Wie halten Sie derzeit Kontakt?

Ich habe mein Handy bei meinen Mitarbeitern gelassen, so kann ich ihnen jeden Tag telefonieren.

Für die, die Ihr erstes Buch «Lotti, La Blanche» nicht gelesen haben: Was führte dazu, dass Sie, die Frau eines Nestlé-Managers, Ihre Familie verliessen, um mit Aidskranken in Afrika zu leben?

Meine Wut darauf, wie ungerecht die Verteilung auf dieser Erde ausgefallen ist. Ich habe das Elend der vielen Aidskranken im Mutter-Teresa-Spital gesehen und konnte nicht mehr einfach wegschauen. Ich musste handeln. Mein Mann hat mir geholfen, im Slum ein Ambulatorium zu bauen. Kaum war es eröffnet, wurde er versetzt. Wir haben dann eine Lösung gesucht, die für alle stimmt. Was jetzt so schnell erzählt daherkommt, war ein langer Prozess, wichtig ist: Ich habe die Familie NICHT verlassen, die Familie hat mich gehen lassen, eine Liebesbezeugung der ganz besonderen Art. Eine Familie sind wir nach wie vor, ein Ehepaar auch und erst noch ein glückliches.

Wie viele Kinder und Eltern betreuen Sie derzeit?


Im Ambulatorium sind es jeden Tag bis zu hundert Konsultationen. Im Sterbespital sind momentan fünfunddreissig Erwachsene und zwanzig Kinder.

Wie kommen die Menschen zu Ihnen?

Sie kennen mich inzwischen gut, sie nehmen – wenn sie das Geld auftreiben können – ein öffentliches Verkehrsmittel oder ein Fahrrad oder gehen stundenlang zu Fuss. Oftmals kommt auch ein Verwandter und bittet mich, den Kranken oder die Kranke zu holen.

Haben Sie angesichts all der tragischen Schicksale nie daran gedacht, für immer nach Europa zurückzukehren und etwas vollkommen anderes zu machen?

Es käme mir im Traum nicht in den Sinn.

Ihr zweites Buch kommt in diesen Tagen unter dem Titel «Madame Lotti – Im Slum von Abidjan zählt nur die Liebe» auf den Markt. Warum eine Fortsetzung?

Es geht nicht darum, aufzuzeigen, was ich alles leiste, viel wichtiger scheint mir, meinen Mitmenschen zu erzählen, wie das Leben dort wirklich ist. Die Autorin Gabriella Baumann-von Arx hat zudem meinen Mann Aziz in Kairo besucht, um seine Sicht der Dinge zu erzählen. Sie hat unsere Liebesgeschichte als eine der schönsten, die sie je gehört hat, betitelt. Es ist auch diese Liebe, die mir die Kraft gibt, jeden Tag den Ärmsten der Armen zu helfen und zu spüren, dass ganz viel zurückkommt. Liebe ist das Einzige, was wächst, wenn wir es verschenken.

 
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Zitate aus dem Buch.
 

Tagebucheintrag von Lotti Latrous:

"Haben die Leute, die sagen, Afrika habe mich verhext, doch Recht? Ich liebe dieses Land, liebe diese Menschen, liebe mein Leben hier, aber ich liebe auch, und dies je länger, je mehr, meine Familie. Manchmal empfinde ich grosse Übelkeit darüber, was ich Aziz und den Kindern antue. Ob ich wohl alles verliere? Wo ist mein Platz?"


Lotti Latrous an die Autorin:

"Ich bekomme mehr, als ich gebe. Im Sterbespital durchfluten mich Gefühle von Liebe, Zärtlichkeit und Licht. Hier spüre ich die Gegenwart von Gott. Ich sehe ihn im Lächeln von Emanuel, fühle ihn am Bett von Aimé, erkenne ihn in den Gesten des blinden Felix. Mein Platz ist hier."

Der Apotheker, Monsieur David, zu Lotti (anlässlich einer kleinen Feier im Slum):

«Oh nein, Madame Lotti, was gesagt sein muss, will ich sagen! Als Ältester darf ich das, und wenn Sie, Madame Lotti, es kurz haben wollen, bitte: Sie sind ein Engel!»

 
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Wer ist Lotti Latrous?

Lotti Latrous wurde 1953 in Dielsdorf geboren. Sie wuchs in Regensberg auf und ging mit sechzehn Jahren als Au-Pair nach Genf, um Französisch zu lernen. Dort traf sie den Tunesier Aziz Latrous und damit die Liebe ihres Lebens. Eine Liebe, die in ihrer Grosszügigkeit und ihrem Respekt füreinander wohl einzigartig ist. Durch die Arbeit ihres Mannes als Nestlé-Direktor kamen auch Lotti Latrous und die drei gemeinsamen Kinder Sonia, Selim und Sarah von Jeddah über Nigeria und Kairo nach Abidjan, in die Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste (Westafrika). Zwei Jahre lang war Lotti Latrous dort unglücklich, bevor sie im Mutter-Teresa-Spital zu arbeiten begann. Das Elend, das sie, die privilegierte Frau mit Chauffeur und Koch und Swimmingpool, dort antraf, veranlasste sie, in Adjouffou, einem der Elendsviertel Abidjans, ein Ambulatorium zu bauen. Dies mit der vollen Unterstützung ihres Mannes. Kaum war dieses eröffnet, versetzte Nestlé Aziz Latrous nach Kairo zurück. Weil Lotti Latrous das Ambulatorium weiterhin betreuen wollte, handelte sie mit ihrer Familie einen Deal aus: zwei Monate Kairo, einen Monat Abidjan. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass der Spagat zwischen dem Ambulatorium im Slum und der Familie in Kairo auf die Dauer nicht gemacht werden konnte und eine Entscheidung gefällt werden musste. Eine Entscheidung, die Ehe und Familie zwar hart traf, beide aber nicht zerbrechen liess. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen absolvieren die beiden älteren Kinder in der Schweiz die Hotelfachschule, lebt die fünfzehnjährige Tochter mit ihrem Vater in Kairo und Lotti Latrous im Slum von Adjouffou. Sie geht dann nach Kairo, wenn sie damit rechnen kann, dass in den nächsten Tagen keiner ihrer Patienten stirbt. Da dies allzu selten vorkommt, wird sie von ihrer Familie immer wieder besucht. Im Moment entsteht ihr neustes Projekt, ein Mütter- und Kinderheim. Lotti Latrous erhielt 2002 den Adele-Duttweiler-Preis.

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Wer ist die Autorin?

Gabriella Baumann-von Arx kam in einem der hinteren Winkel der Schweiz, in Erlinsbach, zur Welt und wuchs – weil ihre Eltern als Schlosswart-Ehepaar eingestellt wurden – im Schloss Lenzburg auf. Ihre erste Ausbildung machte sie im medizinischen Bereich, wechselte später die Branche und ging in die Luft, als Flight Attendant bei der damals noch existierenden Swissair. Sie bereiste die Welt, lernte Bombay lieben, Hongkong vermissen und – auf dem Boden der Realität – ihren Mann kennen. Kurz darauf begann sie zu schreiben. Erst für «annabelle» und «wir eltern», später für die «SonntagsZeitung», das Gastromagazin «Salz & Pfeffer», «Cigar» und «SonntagsBlick». Nach der Geburt des zweiten Kindes begann für die Familie Baumann die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Partnerschaft und Elternsein. Das Ehepaar veröffentlichte in der «Schweizer Familie» abwechselnd Kolumnen, die unter dem Titel «Bei Baumanns – Geschichten aus dem Epizentrum einer ganz normalen Schweizer Familie» auch in Buchform erschienen. Dies war für Gabriella Baumann-von Arx der Beginn ihrer Autorentätigkeit. Mit ihrem fünften Buch «Lotti, La Blanche – Eine Schweizerin in den Elendsvierteln von Abidjan», dem Tagebuch einer Begegnung mit Lotti Latrous, die in einem Slum in Abidjan Aidspatienten Hoffnung und Würde gibt, landete sie in der Schweiz einen Bestseller. Ihr neuestes Buch kommt unter dem Titel «Madame Lotti – Im Slum von Abidjan zählt nur die Liebe» in die Buchhandlungen.