Lotti, die Wunderbare
 

Das ist die Schweizerin des Jahres 2004

Lotti Latrous, 51, wurde an der «Swiss Award»-Gala am Samstag, 8. Januar 2005, zur Schweizerin des Jahres 2004 gewählt.

 
Offener Brief der Autorin Gabriella Baumann-von Arx in der
Schweizer Illustrierten aus Anlass der Preisveleihung:
 

Liebe Lotti

Die allerschönsten Geschichten beginnen immer mit denselben drei Worten: Es war einmal! Es war einmal eine Frau, die hatte einen wunderbaren Mann und drei gefreute Kinder. Sie lebte in der grossen, weiten Welt. In Saudi-Arabien, in Nigeria, in Ägypten und schliesslich an der Elfenbeinküste. Sie hatte ein Strandhaus mit Bungalows am Meer, und sie hatte ein wunderbar grosses Haus im Villenquartier der Stadt. Sie hatte einen Chauffeur, und sie hatte einen Koch. Und hätte sie es gewollt, dann hätte ihr der Hausboy den eisgekühlten Gin Tonic mit weissen Handschuhen an den Liegestuhl gebracht, der gleich neben dem Swimming-Pool stand und auf dem sie manche Stunde verbrachte. Stunden allerdings, die nicht allzu glücklich waren, denn der Frau sagte weder Schmuck etwas noch Sechsgangdinners, und schon gar nichts sagten ihr Kleider, die Namen tragen.

Als sie es auf dem Liegstuhl vor lauter Langeweile nicht mehr aushielt, ging sie in die Slums, ging in Hütten, in denen bei uns nicht mal Hunde hausen, las Menschen vom Boden zusammen, die in Kehrichtsäcke gehüllt und am Verfaulen waren. Sie gab ihnen ein Bett und zu essen und Kleider. Und sie gab ihnen Würde. Manchmal – viel zu oft – die letzte.

Und dann, eines schönen Tages, erhieltest du ein Mail von mir, in welchem ich dich fragte, ob du einverstanden wärest, wenn ich dich besuchen würde, um ein Buch über dich zu schreiben. Und du sagtest: «Nein!» Nein, denn es herrsche Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste, und du habest eh schon zu viel Arbeit und habest längst selbst zu schreiben begonnen und überhaupt und «einewäg», das gehe nun halt eben nicht; basta. Ich liess nicht locker und irgendwann hast du entdeckt, dass wir beide denselben Sturkopf und auch einen ähnlichen Humor haben. Also flog ich nach Abidjan.

Dort hast du mir eine Welt eröffnet, nach der ich mich heute oft sehne. Drei Besuche und zwei Bücher später habe ich dort unten in dir nicht nur eine Freundin gefunden, sondern in Monsieur Konaté und Monsieur David, Adelaide und Arlette neue Freunde und in Emanuel und Christ, Bouba und Aimé Kinder, die mein Herz berühren.

Mit deinem Ja hast du aber nicht nur mir eine neue Welt eröffnet, sondern auch dir selbst. Es hat zwar gedauert, bis du mir glaubtest, dass du ab und zu aus dem Slum kommen solltest, um das zu sein, was du nebst allem anderen eben auch noch bist: eine charismatische Botschafterin für die, die vergessen sind. Aber schliesslich sagtest du auch hier Ja, und dieses Ja brachte uns bis nach Deutschland, wo du absolut professionell und erst noch in perfektem Hochdeutsch deine und die Geschichte deiner Kranken erzähltest. Nach deinen Auftritten ergaben sich oft Situationen, die für uns beide so voll von Humor waren, dass wir einmal – es war in Hamburg – vor lauter Lachen nicht einmal mehr die Hoteltreppe hinaufgekommen sind.

Liebe Lotti, es war einmal eine ganz tolle, tief zufriedene Frau, die jahrelang und völlig abseits vom grossen Medieninteresse Unglaubliches leistete und jetzt vom Schweizer Volk zur Schweizerin des Jahres gewählt wurde. Eine Frau, die mit gemischten Gefühlen am Tisch dreizehn der «Swiss Award»-Gala Platz genommen hatte. Nicht weil sie sich davor gefürchtet hätte, nicht gewählt zu werden, sondern weil sie sich in jeder Minute bewusst war, dass in der Zeit, in welcher sie an einer reichgedeckten Tafel sitzt, Menschen in aller Welt verhungern.

Es war einmal eine Frau, die uns hilft, nicht zu vergessen. Auch nicht, dass in Schwarzafrika Tag für Tag sechstausend Menschen an Aids sterben. Und es war einmal eine Frau, die teuflisch böse werden kann, wenn man sie einen Engel nennt. Lotti – auch dafür mag ich dich so sehr!

Herzlich, Gaby

 

Das Interview mit Lotti.

 
Von Peter Röthlisberger und Barbara Ryter
 

Ein seltener Moment im engagierten Leben von Lotti Latrous, 51: Vereint mit ihrer Familie, ihrem Mann Aziz, ihren Töchtern Sarah, 15 (li.) und Sonia, 24, reiste sie am Samstag nach Basel zum «Swiss Award». Einzig Sohn Selim, 25, konnte nicht mit dabei sein.

Die Schweizerin des Jahres 2004 spricht über die Auszeichnung, ihre Familie und den Tod.

Frau Latrous, was werden die Waisenkinder in Ihrer afrikanischen Heimat zu Ihrem Titel sagen?

Wenn ich den Kindern die Trophäe aus Stein zeige, werden sie schon fragen, was sie bedeutet. Ich werde ihnen ein paar Fotos mitbringen und erklären, dass es sich um ein Stück eines Schweizer Berges handelt.

Welche Bedeutung hat der Titel für Sie?

Es ist eine wahnsinnige Ehre, weil mich das Schweizervolk gewählt hat. Ich danke aus ganzem Herzen für dieses Vertrauen. Ich war schon über die Nomination erstaunt, weil ich gar nicht wusste, was der «Swiss Award» ist. Ich lebe seit 25 Jahren nicht mehr in der Schweiz. Ich schaute mir die Kassette vom vergangenen Jahr an und sah, dass das ein Riesenanlass ist.

Wie wird der Titel Schweizerin des Jahres Ihrem Projekt helfen?

Er zeigt den Menschen, dass ich immer noch an der Elfenbeinküste helfe, obwohl Krieg herrscht, und dass ich nie mehr im Leben dort weggehe.

Haben Sie keine Bedenken, dass angesichts der Flutwelle Ihr Hilfsprojekt etwas verdrängt wird?

Ich mache mir mehr Sorgen, wie die vielen Milliarden in den Flutgebieten verwendet werden. Wenn ich mir vorstelle, wie lange ich mein Projekt mit 500000 Franken weiterführen könnte!

Was ist nach so vielen Jahren im Ausland an Ihnen noch schweizerisch?

Der Stolz auf mein Schweizervolk. In den letzten Jahren hat es immer wieder gezeigt, wie grosszügig und hilfsbereit es ist.

Woher nehmen Sie die Kraft, jeden Tag zu helfen?

Jeden Tag sehe ich Kinder sterben, jeden Tag sammle ich Menschen vom Boden auf, um die sich sonst niemand kümmern würde. Sie haben Aids, Krebs, Tuberkulose, Wunden voller Würmer. Diese Menschen brauchen mich. Es gibt nichts Schlimmeres, als nicht gebraucht zu werden.

Haben Sie auch Ihre Kinder so erzogen?

Natürlich, alle drei. Mein Mann ist Moslem, ich bin Christin. Wir haben ihnen den Glauben an Gott mitgegeben, an Menschenliebe und Toleranz. Das heisst Teilen und Geben. Und zwar nicht Dinge, die man nicht mehr braucht, sondern Dinge, die man gerne behalten hätte. Ich musste einmal ein sechswöchiges Kind begraben. Meine Familie war damals noch bei mir. Sarah, unsere Kleinste, fragte, was ich mit dieser Holzkiste, die ich als Sarg vorbereitete, mache. Ich erklärte es ihr und sagte, wenn sie noch ein Stofftier habe, dass man zum Baby legen könnte, wäre das ganz toll. Und sie holte ihren Lieblingsteddybären.

Wie häufig sehen Sie Ihre Familie?

Sarah und mein Mann wohnen in Ägypten. Ich besuche sie alle drei Monate für eine Woche. Die ersten zwei Jahre war es sehr hart für meine Familie. Sarah fragte schon, ob ich diese Kinder lieber habe, und ich musste ihr viel erklären. Diese Kinder, sagte ich ihr, würden ohne mich sterben, aber sie könne ohne mich leben. Sie hat gelernt, ihre Mutter zu teilen.

Werden Sie nicht wütend, dass andere nicht so viel helfen wie Sie?

Nein. Man kann doch niemanden zum Helfen zwingen! Man muss es mit dem Herzen tun. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten: Ich war wütend, dass es mir so gut ging und diesen Menschen dermassen schlecht. Hunderte Kinder starben in meinen Armen. Und ein sterbendes Kind wiegt Tonnen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, überhaupt nicht. Wenn man bekommen hat, was ich bekam, und all das geben durfte, ist alles in Ordnung. Wenn mir jemand sagen würde, ich müsste in sechs Monaten sterben, dankte ich dafür, dass ich noch so viel Zeit bekomme, um Abschied zu nehmen. Wenn man geht, ist das Einzige, was man mitnehmen kann, das, was man gegeben hat.

Was ist Ihr grösster Traum?

Jessesgott, Sie! Ich möchte, dass der Reichtum auf der Welt gleichmässig verteilt ist. Dann müssten nicht so viele Menschen an Hunger sterben. Viele Leute in den Slums von Afrika bekommen nur alle zwei Tage einen Teller Reis zu essen. Und ein Teller Reis, das sollte man wissen, kostet gleich viel wie ein Präservativ.

Können Sie zurzeit überhaupt zurück an die Elfenbeinküste?

In Adjouffou fühle ich mich total beschützt. An Weihnachten war ich im Sterbespital, um mit meinen zwanzig aidskranken Waisenkindern zu feiern. Dieses Weihnachtsfest war das schönste meines Lebens. Ich wollte unbedingt bei den Kranken sein. Ich weiss ja nicht, wie lange sie noch leben.

SELTENER AUFTRITT Aziz, Sonia, 24, Lotti, 51, und Sarah, 15, Latrous (v. l.) am Tag nach dem «Swiss Award» vereint in Basel.

 

JENSEITS VON EUROPA

Der Werdegang der Lotti Latrous

Lotti Latrous. Das ist die aussergewöhnliche Geschichte einer Frau, die durch Zufall zur Helferin der Armen wurde. Lotti kam 1953 im zürcherischen Dielsdorf zur Welt. Sie wuchs in Regensberg ZH auf und ging mit 16 Jahren als Aupair nach Genf, um Französisch zu lernen. Dort traf sie den Tunesier Aziz Latrous – und damit die Liebe ihres Lebens. Die beiden heirateten vor 32 Jahren. Durch die Arbeit ihres Mannes als Nestlé-Direktor kamen Lotti und die drei gemeinsamen Kinder Sonia, Selim und Sarah vom saudi-arabischen Jeddah über Nigeria und Kairo nach Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste. Nach zwei Jahren begann Lotti, im örtlichen «Mutter Teresa»-Krankenhaus zu arbeiten. Das Elend, das sie, die privilegierte Frau mit Chauffeur und Koch, dort antraf, veranlasste sie, in Adjouffou, einem der Elendsviertel Abidjans, ein Ambulatorium aufzubauen. Dies mit der vollen Unterstützung ihres Mannes. Kaum war die Station eröffnet, versetzte Nestlé Aziz Latrous zurück nach Kairo. Weil Lotti das Ambulatorium aber weiterhin betreuen wollte, handelte sie mit ihrer Familie einen Deal aus: zwei Monate Kairo, einen Monat Abidjan. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass der Spagat zwischen dem Ambulatorium im Slum und der Familie in Kairo auf die Dauer nicht machbar war. «Ich wurde depressiv», sagt Lotti, «habe nur noch geweint. Da sagte mein Mann: ‹Bevor aus unserer Beziehung Hass wird, musst du dir dort eine Wohnung nehmen.›» Die Entscheidung traf Ehe und Familie zwar hart, beides zerbrach aber nicht daran. Lotti zog an die Elfenbeinküste.

Das war vor fünf Jahren. Inzwischen absolvieren die beiden älteren Kinder Sonia, 24, und Selim, 25, in der Schweiz die Hotelfachschule. Tochter Sarah, 15, lebt mit ihrem Vater in Kairo und Lotti Latrous im Slum von Adjouffou beim Hafen von Port Bouet, wo sie Ende 2002 ein weiteres Projekt realisieren konnte: ein Sterbespital. Sooft es geht, besucht Lotti ihre Familie in Kairo – und sooft es eben geht, wird sie von ihrer Familie in Abidjan besucht. Trotz den Ende Jahr aufgeflammten Bürgerkriegs-Unruhen arbeitet Lotti Latrous derzeit an ihrem neuesten Projekt: einem Mütter- und Kinderheim.

Das Leben von Lotti Latrous ist in den beiden Büchern «Lotti, La Blanche» und «Madame Lotti» von Gabriella Baumann-von Arx beschrieben. Zu beziehen auch im Internet: www.lottilatrous.ch.