Ein
seltener Moment im engagierten Leben von Lotti Latrous, 51: Vereint mit ihrer
Familie, ihrem Mann Aziz, ihren Töchtern Sarah, 15 (li.) und Sonia, 24, reiste
sie am Samstag nach Basel zum «Swiss Award». Einzig Sohn Selim, 25,
konnte nicht mit dabei sein. Die Schweizerin des Jahres 2004 spricht
über die Auszeichnung, ihre Familie und den Tod.
Frau
Latrous, was werden die Waisenkinder in Ihrer afrikanischen Heimat zu Ihrem Titel
sagen? Wenn ich den Kindern die Trophäe aus Stein zeige,
werden sie schon fragen, was sie bedeutet. Ich werde ihnen ein paar Fotos mitbringen
und erklären, dass es sich um ein Stück eines Schweizer Berges handelt.
Welche Bedeutung hat der Titel für Sie? Es
ist eine wahnsinnige Ehre, weil mich das Schweizervolk gewählt hat. Ich danke
aus ganzem Herzen für dieses Vertrauen. Ich war schon über die Nomination
erstaunt, weil ich gar nicht wusste, was der «Swiss Award» ist. Ich
lebe seit 25 Jahren nicht mehr in der Schweiz. Ich schaute mir die Kassette vom
vergangenen Jahr an und sah, dass das ein Riesenanlass ist. Wie
wird der Titel Schweizerin des Jahres Ihrem Projekt helfen? Er
zeigt den Menschen, dass ich immer noch an der Elfenbeinküste helfe, obwohl
Krieg herrscht, und dass ich nie mehr im Leben dort weggehe. Haben
Sie keine Bedenken, dass angesichts der Flutwelle Ihr Hilfsprojekt etwas verdrängt
wird? Ich mache mir mehr Sorgen, wie die vielen Milliarden
in den Flutgebieten verwendet werden. Wenn ich mir vorstelle, wie lange ich mein
Projekt mit 500000 Franken weiterführen könnte! Was
ist nach so vielen Jahren im Ausland an Ihnen noch schweizerisch? Der
Stolz auf mein Schweizervolk. In den letzten Jahren hat es immer wieder gezeigt,
wie grosszügig und hilfsbereit es ist. Woher
nehmen Sie die Kraft, jeden Tag zu helfen? Jeden
Tag sehe ich Kinder sterben, jeden Tag sammle ich Menschen vom Boden auf, um die
sich sonst niemand kümmern würde. Sie haben Aids, Krebs, Tuberkulose,
Wunden voller Würmer. Diese Menschen brauchen mich. Es gibt nichts Schlimmeres,
als nicht gebraucht zu werden. Haben Sie auch Ihre
Kinder so erzogen? Natürlich, alle drei. Mein
Mann ist Moslem, ich bin Christin. Wir haben ihnen den Glauben an Gott mitgegeben,
an Menschenliebe und Toleranz. Das heisst Teilen und Geben. Und zwar nicht Dinge,
die man nicht mehr braucht, sondern Dinge, die man gerne behalten hätte.
Ich musste einmal ein sechswöchiges Kind begraben. Meine Familie war damals
noch bei mir. Sarah, unsere Kleinste, fragte, was ich mit dieser Holzkiste, die
ich als Sarg vorbereitete, mache. Ich erklärte es ihr und sagte, wenn sie
noch ein Stofftier habe, dass man zum Baby legen könnte, wäre das ganz
toll. Und sie holte ihren Lieblingsteddybären. Wie
häufig sehen Sie Ihre Familie? Sarah und mein
Mann wohnen in Ägypten. Ich besuche sie alle drei Monate für eine Woche.
Die ersten zwei Jahre war es sehr hart für meine Familie. Sarah fragte schon,
ob ich diese Kinder lieber habe, und ich musste ihr viel erklären. Diese
Kinder, sagte ich ihr, würden ohne mich sterben, aber sie könne ohne
mich leben. Sie hat gelernt, ihre Mutter zu teilen. Werden
Sie nicht wütend, dass andere nicht so viel helfen wie Sie? Nein.
Man kann doch niemanden zum Helfen zwingen! Man muss es mit dem Herzen tun. Ich
habe es einfach nicht mehr ausgehalten: Ich war wütend, dass es mir so gut
ging und diesen Menschen dermassen schlecht. Hunderte Kinder starben in meinen
Armen. Und ein sterbendes Kind wiegt Tonnen. Haben
Sie Angst vor dem Tod? Nein, überhaupt nicht.
Wenn man bekommen hat, was ich bekam, und all das geben durfte, ist alles in Ordnung.
Wenn mir jemand sagen würde, ich müsste in sechs Monaten sterben, dankte
ich dafür, dass ich noch so viel Zeit bekomme, um Abschied zu nehmen. Wenn
man geht, ist das Einzige, was man mitnehmen kann, das, was man gegeben hat. Was
ist Ihr grösster Traum? Jessesgott, Sie! Ich
möchte, dass der Reichtum auf der Welt gleichmässig verteilt ist. Dann
müssten nicht so viele Menschen an Hunger sterben. Viele Leute in den Slums
von Afrika bekommen nur alle zwei Tage einen Teller Reis zu essen. Und ein Teller
Reis, das sollte man wissen, kostet gleich viel wie ein Präservativ. Können
Sie zurzeit überhaupt zurück an die Elfenbeinküste? In
Adjouffou fühle ich mich total beschützt. An Weihnachten war ich im
Sterbespital, um mit meinen zwanzig aidskranken Waisenkindern zu feiern. Dieses
Weihnachtsfest war das schönste meines Lebens. Ich wollte unbedingt bei den
Kranken sein. Ich weiss ja nicht, wie lange sie noch leben. SELTENER
AUFTRITT Aziz, Sonia, 24, Lotti, 51, und Sarah, 15, Latrous (v. l.) am
Tag nach dem «Swiss Award» vereint in Basel.
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