Hoffnung hat einen Namen
 

Sapharin ist einer unter vielen, die Lotti mit den immer gleichen Worten aus ihren Hütten holt: «Das könnte auch mein Sohn, meine Tochter, meine Mutter, mein Vater sein.»

 

VON GABRIELLA BAUMANN-VON ARX
(TEXT) UND PHILIPPE DUTOIT (FOTOS)

 

Es stinkt. So, wie es früher bei uns gestunken haben muss. Damals, als es noch keine Kanalisationen gab. Im Jahr 2005 schicken wir, bei denen es nicht mehr stinkt, eine Aufklärungssonde auf einen Mond des Saturns. Im Jahr 2005 herrscht hier, in Schwarzafrika, tiefes Mittelalter, und anstelle von Pest gibt es Aids. Die Angst davor wird im Slum von Koumassi, einem Vorort der Wirtschaftsmetropole Abidjan greifbar. Die Einzige, die, ohne zu zögern, in den knapp vier Quadratmeter grossen, fensterlosen Raum tritt, auf dessen Betonboden ein Mann in aus Frottiertüchern behelfsmässig zusammengefalteten Windeln liegt, ist Lotti.

Lotti Latrous. Die Frau, die vom Schweizer Volk per Televoting zur Schweizerin des Jahres gewählt wurde. Ich beobachte sie, wie sie sich zu ihm hinkniet, ihn leise anspricht. Ihn, als er wie aus weiter Ferne auf ihre Stimme reagiert, anlächelt und ihm schliesslich die Hand auf die Stirn legt. Ich bin zutiefst gerührt. Aber es ist nicht dieses Bild, das ich von meinen verschiedenen Besuchen her schon kenne, das mir die Tränen in die Augen treibt, es ist die Erinnerung an den Abend des 8. Januar 2005, als Lotti Latrous auf der Bühne der St. Jakobshalle in Basel stand und sich die geladenen prominenten Gäste und die vielen Zuschauer auf der riesigen Tribüne erhoben haben, um dieser bemerkenswerten Frau, die kein Engel sein will und tatsächlich auch nicht immer einer ist, in einer Standing Ovation die Ehre zu erweisen. Heute, genau vierzehn Tage später, ist Lotti seit vier Tagen wieder daheim in ihrem Slum. Daheim in Adjouffou. Und als sie uns am Flughafen abholte, meinte sie: «In den letzten vier Tagen, habe ich zwei Kinder, drei Frauen und einen Mann verloren. Ich weiss, dass ihnen Mahi bald folgen wird, und ich ahne, dass Edith zu spät zu uns gebracht worden ist. Es werden immer mehr.»

Drei Millionen Menschen starben 2003 weltweit an Aids – laut dem neuesten UNAIDS-Report. 75 Prozent davon, also 2,2 Millionen, dort, wo nur gerade zehn Prozent der Weltbevölkerung leben. In Schwarzafrika. Es wird geschätzt, dass südlich der Sahara 25 Millionen HIV-Positive leben. Babys, Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen. Tag für Tag finden 6000 von ihnen den Tod. Sechstausend Menschen. Pro Tag! Zahlen, die nicht zu fassen sind. Zahlen, die bei Lotti Gesichter bekommen. Und Namen. Und Geschichten. Heute die von Mahi. Der 18-Jährige lag zehn Tage lang vor einer Kirche, bevor jemand den Mut aufbrachte, ihn aufzulesen und zu Lotti zu bringen. Nun sitzt er auf einem der Betten, von denen es, obwohl es immer mehr werden, immer weniger zu geben scheint. Beide Lungenflügel sind von Tuberkulose zerfressen, er ringt um jeden Atemzug. Die Anstrengung, die ihn dies kostet, wage ich nicht zu beschreiben. Und dann ist da Edith, kaum elf Jahre alt. Sie verlor zuerst die Mutter, dann den Vater an Aids. Viel zu spät und bis auf die Knochen abgemagert wurde sie bei Lotti abgegeben. Beide – eine grässliche Logik – HIV-positiv.

Mit Hilfe von Medikamenten, proteinreichem Essen, dank der Unterstützung all ihrer Mitarbeiter und einer Liebe, die unendlich zu sein scheint, hilft die zierliche Frau manchen wieder auf die Beine. Lotti, die einst in einem grossen Haus mit Swimmingpool wohnte und so viel Hilfe hätte haben können, dass sie gar nichts mehr hätte tun müssen. Seit ihre Idee mit den Mütterpatenschaften, die von der Schweiz aus finanziert werden, greift, konnte sie bereits sechzig Mütter und Väter unter Aids-Dreifachtherapie setzen. Auch wenn es für Mahi und Edith zu spät sein wird: Lotti lässt nichts unversucht. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass wir, wenn der Tag gekommen ist, an welchem wir gehen müssen, wir eben doch etwas mitnehmen können. Das, was wir gegeben haben. Aber nicht nur sie gibt. Ohne das Verständnis ihres Mannes Aziz und der drei Kinder könnte Lotti nicht das tun, was sie tun will. Deshalb meint sie auch: «Es freut mich sehr, dass es sein Familienname ist, der einst auf der Aelggi-Alp eingraviert werden wird.»

Als Lotti Latrous uns vom Flughafen abholt, der von Air France der jüngsten Unruhen wegen nur noch zweimal die Woche angeflogen wird, haben Philippe, der Fotograf, und ich kaum Zeit unser Gepäck ins Zimmer zu stellen. Sofort sitzen wir schon wieder in Lottis altem Geländewagen. Unterwegs nach Koumassi. Einem der vielen Slums hier. Und als wir über die stinkende, offene Rinne zu den acht in einem Hof zusammengepferchten Hütten gehen – jede einzelne ist nicht grösser als vier Quadratmeter und bietet trotzdem Platz für bis zu acht Personen – weiss ich, welches Bild uns erwartet.

Lotti geht rein, kniet sich zu Sapharin – so heisst der Kranke – nieder, spricht ihn leise an, und als er wie aus weiter Ferne auf ihre Stimme reagiert, lächelt sie, legt ihre Hand auf seine Stirn und fragt: «Möchtest du, dass ich dich in mein Spital bringe?» Die Antwort ist ein kaum merkliches Nicken. Doch bevor Lotti ihn mitnehmen kann, braucht sie die Einwilligung seiner Mutter. Der Alten, «la vieille», wie Mütter hier liebe- und respektvoll genannt werden.

Das Wissen, wie Afrika funktioniert, macht «Madame Lottis» Hilfe so wertvoll. Vieles lässt sie stehen, akzeptiert, verurteilt nicht. Sie lässt sich aber auch nicht von der Kultur des Verdrängens beeinflussen: «Über Aids will hier niemand reden, auch nicht die Ärzte. Dagegen wehre ich mich. In unserem Zentrum werden die Leute zuallererst auf Aids getestet. Denn Tuberkulose, Gürtelrose, Hautkrebs, Hirnhautentzündungen und andere Krankheiten, gegen die sie in den Spitälern oft monatelang vergebens behandelt wurden, sind Auswirkungen der Immunschwächekrankheit.» Sind sie positiv, dann ist es Lotti, die es den Patienten sagt, die sie aufklärt, die ihnen sagt, wie sie trotzdem leben, gar überleben können. Immer wieder. Jeden Tag. Tausendmal, zehntausendmal. Mit immer denselben Worten aber immer so, als täte sie es zum ersten Mal.

Seit September 2002 befindet sich die Elfenbeinküste in einem Bürgerkrieg, der diese in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden teilt. Seither verliert das einst reiche Land alles, was es von anderen Ländern Schwarzafrikas abhob. Spricht man Lotti darauf an, winkt sie ab: «Ich mache keine politischen Statements.» Mehr sagt sie dazu nicht, und ich weiss weshalb. Sie hat es am Abend des Swiss Award auf die Frage, was Glück für sie bedeute, gesagt: «Der Heilige Saint-Antoine brachte es einst auf den Punkt: Glück ist, das weiter zu begehren, was man schon besitzt.» Lotti hat ihre Zufriedenheit gefunden, sie wird nicht die Dummheit begehen, diese zu gefährden. «Wie auch immer sich die Situation hier entwickelt, ich werde bei meinen Kranken bleiben, hier bin ich zu Hause.» Angst kennt sie keine, auch weil «der da oben mich wohl noch eine Zeit lang braucht», meint sie lachend. Auf «den da oben» hat sie sich heute schon mal berufen. Als sie einem Mann, der negativ getestet wurde, in ihrer Sprechstunde die Leviten las: «Du bist negativ, deine Frau und dein Kind haben dieses Glück nicht. Verlässt du sie nun, dann wirst du einst Rechenschaft ablegen müssen, bei einem, der dich sehr zu mögen scheint. Bei dem da oben.» Der Mann schaute Lotti, die ihren rechten Zeigefinger erhoben hatte, entgeistert an.

Er blickte dann in den ersten Stock des Ambulatoriums, suchte die Person, die sie meinen könnte, fand niemanden und lachte, als er realisierte, von wem Lotti sprach. Lottis Fältchen fächerten sich um ihre Augen auf, als sie mitlachte, glätteten sich wieder, als sie ihn anschaute, den Kopf schief legte und – hätte ich es nicht gesehen, ich hätte behauptet, es sei nicht möglich – ihre Augen noch eine Spur blauer werden liess. «Dass deine Frau positiv ist, muss nicht heissen, dass sie dich betrogen hat! Dreissig – hörst du mir zu? – dreissig Prozent aller HIV-positiven Frauen wurden durch ein nicht terilisiertes gynäkologisches Instrument infiziert.» Dies erklärte sie, sei heute nicht mehr so. Wo möglich, sterilisiere man inzwischen oder behelfe sich mit Javelwasser. «Auch hier bei uns gibt es Fortschritt!» Dafür keinen Strom. Seit zwei Wochen ist das Sterbehospiz ohne Elektrizität – immerhin hat es zu festen Zeiten fliessendes Wasser. Im Ambulatorium hingegen gibt es Strom, dafür zu oft kein Was ser. «Egal», meint Lotti, «man kann nicht alles haben im Leben.» Nun, bei der Zufriedenheit, die diese Frau ausstrahlt, die kein Engel sein will und trotzdem manchmal einer ist, werde ich den Gedanken nicht mehr los, dass sie alles gefunden hat im Leben. Nicht auf einem Mond des Saturns, sondern tief in sich drinnen.