«Ich möchte dort sein, bin hier und kann nur eines tun: beten»

KAIRO. Vor fünf Jahren gab Lotti Latrous das bequeme Leben als Frau eines Nestlé-Managers auf. Sie gründete in Abidjan an der Elfenbeinküste ein Ambulatorium und ein Sterbehospiz. Nun fürchtet sie um ihr Lebenswerk.

«Als die Unruhen in Abidjan ausbrachen, verbrachte ich gerade einige Tage mit meinem Mann und meiner jüngsten Tochter in Kairo - seitdem sitze ich hier fest und habe Angst.

Nicht Angst davor zurückzugehen, sondern davor, vorläufig nicht mehr hinzukommen. Hilflos muss ich mitverfolgen, was passiert. Meine eigenen Kinder haben einen guten Vater, sie haben zu essen, sie können zur Schule, sie sind gut versorgt. «Meine» Kinder im Sterbespital haben nichts ausser dem, was ich ihnen bieten kann.

Der Slum Adjouffou, wo mein Ambulatorium und mein Sterbespital stehen, wurde bisher von den Unruhen glücklicherweise verschont. Allerdings drohten Randalierer vor einigen Tagen, die Station niederzubrennen. Die darauffolgende Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Ich hätte am liebsten nonstop mit meinen Mitarbeitern telefoniert. Nur weil ich mein Handy bei ihnen zurückgelassen habe, kann ich mit ihnen in Kontakt bleiben.

Das grösste Problem ist im Moment, dass die Aids-Medikamente ausgehen. Für all die Kinder und Mütter, die unter Therapie stehen, wäre das eine Katastrophe. Nahrung ist hingegen ausreichend vorhanden. Weil wir schon lange mit dem Ausbruch von Unruhen rechnen mussten, haben wir vorgesorgt.

Der politische Grundkonflikt an der Elfenbeinküste rührt daher, dass das Land mit seinen unzähligen Kakao-, Kaffee- und anderen Plantagen immer auf Gastarbeiter aus den angrenzenden Ländern angewiesen war. Jahrzehntelang hielten sie die Wirtschaft in Gang. Die fremden Arbeiter machen zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Obwohl schon gut die Hälfte von ihnen an der Elfenbeinküste geboren ist, können sie weder die Staatsbürgerschaft noch Land erwerben. Das dürfen nur Ivorer.

Vor zwei Jahren putschten abtrünnige Militäreinheiten gegen die amtierende Regierung. Ihre Rechtfertigung: Präsident Laurent Gbagbo, ein Christ aus dem Süden, schüre den Hass gegen die rund vier Millionen Immigranten und unterdrücke den muslimischen Norden. Die Rebellen brachten den Norden unter ihre Kontrolle. Auch das im Januar 2003 von beiden Seiten unterzeichnete Friedensabkommen hat keine Versöhnung gebracht.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hat 5000 Soldaten im Land. Seit Februar werden sie von einer 6000 Mann starken Uno-Friedenstruppe unterstützt. Aber das hat nicht gereicht, um zu verhindern, was jetzt passiert. Afrika, der Kontinent der Völkermorde, der Rebellenkriege und der Seuchen, kommt nicht zur Ruhe.

Siebzig Prozent aller weltweit an Aids Infizierten leben in Schwarzafrika. Ein Bruchteil dieser Schwerkranken kommt jeden Tag zu uns ins Ambulatorium. Und plötzlich bekommen Zahlen ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte: Emanuel, Willy, Emilie, Pierre. Ich möchte dort sein, bin hier und kann nur eines tun: beten.»

AUFGEZEICHNET VON Markus Mager