Als Lotti Latrous davon erfuhr, war ihr erster Gedanke: „Warum bin ich nicht dort?“ ährend Europäer zu Tausenden das Land verlassen, will sie so schnell wie möglich zurückkehren an die Elfenbeinküste. In Adjouffou, einem der vielen Slums von Abidjan, wird die Schweizerin nur „Lotti, la Blanche“, Lotti die Weiße, genannt. Sie hat dort ein Hospiz und eine Ambulanz für Aidskranke aufgebaut.
Als die Ausschreitungen am vergangenen Samstag begannen, war Lotti Latrous, 51, auf dem Weg nach Paris, wo sie einen Preis für ihr Engagement in der Elfenbeinküste bekommen hat. Nun bereut sie, daß sie ihre Schützlinge – darunter 35 HIV-positive aisenkinder – überhaupt verlassen hat. Dabei erreichten in dieser Woche die Ausschreitungen auch den Slum Adjouffou, der bislang von den Unruhen verschont geblieben war. Am Dienstag abend zogen betrunkene Jugendliche zu Lotti Latrous’ Hospiz „Centre l’Espoir“, drohten es auszurauben und abzubrennen. Noch haben sie die Drohung nicht wahrgemacht. Der Arzt, der täglich in den Slum fährt, konnte wegen der
Straßensperren die Kranken nicht mehr mit Aids-Medikamenten versorgen. „Auch die ebensmittelvorräte werden langsam knapp“, sagt Lotti Latrous. Täglich telefoniert sie mit ihren Mitarbeitern. Die ganze Stadt habe gebrannt, vor allem die Häuser der Weißen seien geplündert und zerstört. Kaum einer ihrer französischen Bekannten ist in Abidjan beblieben, die meisten haben sich nach Frankreich ausfliegen lassen.
Auch von Europäerinnen, die vergewaltigt worden sein sollen, hat sie gehört. Angst zurückzukehren hat sie dennoch nicht. Sie lebt dort im Hospiz in Adjouffou. „Wir haben keinen Reichtum im Slum, es gibt nichts Wertvolles zu rauben“, sagt sie und daß die Menschen wüßten, daß sie ihnen hilft. Das mag naiv klingen, doch Lotti Latrous glaubt nicht an Zufälle, dafür um so mehr an ihre Aufgabe im Aids- Hospiz. Vor elf Jahren kam sie gemeinsam mit ihrem Mann, einem Nestlé-Direktor, und ihren drei Kindern in die Elfenbeinküste. Sie lebte zunächst das reiche Leben der Westler, die für internationale Firmen oder Organisationen in Entwicklungsländern arbeiten – mit Pool und Angestellten.
Bis sie zum ersten Mal ein Hospiz der Schwestern der Mutter Teresa betrat. Seitdem hat sie das Elend der Aidskranken nicht mehr losgelassen. 14 Prozent der Bevölkerung des Landes sollen offiziellen Angaben zufolge HIV-positiv sein. Lotti Latrous ist überzeugt, daß es weitaus mehr sind. Ihr Mann wurde inzwischen nach Kairo versetzt, doch sie blieb in Abidjan. Fast wäre ihre Ehe daran zerbrochen. Doch inzwischen hat ihre Familie ihre Entscheidung akzeptiert – und auch, daß sie nun zurückkehren will. Heike Vowinkel A Im Dezember erscheint: Gabriella Baumann-von-Arx, „Madame Lotti“, Wörterseh Verlag Auch das Aids-Hospiz einer Schweizerin ist bedroht. Trotz Bürgerkrieg zurück nach Abidjan Lotti Latrous mit einem ihrer Aids-Patienten. |