Am Anfang war das Feuer
 
Von Jürg von Ins.
 

Mit Lottis Hilfe schoss Gabriella an die Spitze der Bestseller-Liste, mit Gabriellas Hilfe wurde Lotti zur Schweizerin des Jahres. Beide sind mit der Sucht zu helfen angesteckt worden. Die Aidskranken können auf Lotti verzichten, aber Lotti nicht auf sie.

Gabriella Baumann-von Arx, die Verfasserin von «Lotti , la Blanche» und «Madame Lotti », erinnert sich genau:

«Ich wollte eben den Fernseher ausschalten, weil die Dok über Franz Gertsch zu Ende war. Ich will nicht, dass meine Kinder den ganzen Sonntag vor der Glotze verbringen. Doch da folgte ein Trailer über Lotti Latrous und ihr Aidshospiz in Abidjan. Ich wusste auf Anhieb: Diese Frau will ich kennen lernen. Das war im Jahr 2002. Ich teilte Lotti per E-Mail mit, dass ich ein Buch über sie schreiben möchte.»

Lottis Antwort kam unverzüglich: «Sorry, bin nicht interessiert.» Lotti lächelt: «Genützt hat das nicht viel. Gabriella insistierte, und wie. Sie versuchte mich mit allen Mitteln umzustimmen. Eine Frau wie Lotti Latrous , sagte sie immer wieder, die aus dem Konsumleben ausgestiegen ist, um etwas Tieferes zu machen, hat den Menschen viel zu sagen.»

Gabriella war entschlossen, Lotti in Abidjan zu besuchen, doch dann brach der Bürgerkrieg aus, die Abreise musste um sechs Monate verschoben werden. Gabriella und Lotti waren beide nervös. Sie kannten sich ja erst von ihren E-Mails. Lotti gab in einem Brief zu bedenken, dass sie es vielleicht nicht verkraften würde, alles noch einmal zu erzählen. Gabriella wandte ein, dass der Dialog mit einer professionell distanzierten Autorin ihr helfen würde, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Freitag, der 13. Juni 2003. Als Gabriella am Flugplatz Abidjan auf die Strasse hinaustrat, war von Lotti nichts zu sehen. Gabriella gesteht ein, dass das bange Minuten waren.

«Doch dann sah ich sie auf mich zukommen – kleiner, als ich gedacht hätte, in den schwarzen Turnschuhen, den blauen Jeans und der weissen Bluse, die sie bis heute trägt. Erst wollten wir uns formell begrüssen, aber dann sind wir uns gleich in die Arme gefallen. Und dann ging's im scheppernden Taxi vom Airport direkt ins Sterbespital.»

Lotti stellte Gabriella einige der vielen Menschen vor, die zu Skeletten abgemagert in ihren Betten lagen. Sie nahm ihre Hand und sagte: «Das ist Mohammed. Das ist Mariam.»

Gabriella war betroffen vom Leid, aber auch von Lottis Art, auf ihre Patienten zuzugehen. Lotti spürte eine Seelenverwandtschaft bei Gabriella. Nach zehn Tagen kehrte Gabriella in die Schweiz zurück – krank.

«Sie hat alles rausgekotzt», sagt Lotti , «wie ich in den ersten Wochen auch.»

Dann begann Gabriella zu schreiben. Lotti war von den Texten begeistert, die Gabriella ihr per Mail übermittelte. Die Autorin selbst entdeckte, dass das Schreiben für sie heilsam war. Bald schon kehrte sie nach Abidjan zurück, diesmal als Freundin, und tastete sich näher an Lottis Arbeit heran. Die erste Patientin, die in ihren Armen starb, war die 19-jährige Aisha, die sich vom 13. Lebensjahr an prostituieren musste und die das Leben nur unter Drogen ausgehalten hatte. Die Erinnerung treibt Lotti die Tränen in die Augen:

«Wir haben ihr in ihrer letzten Zeit die Kindheit zurückgegeben.»

Viele Aids-Patienten in Abidjan litten unter Schuldgefühlen, stellt Lotti fest. «Oft werden ihnen die Selbstvorwürfe von evangelischen Missionaren eingeredet. Wir versuchen ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie unschuldig sind und nehmen ihnen damit auch ein Stück weit die Angst vor dem Tod.»

Traditionellerweise redet man in Afrika kaum über den Tod, auch die Ärzte nicht. Lotti hingegen hält es für wichtig, Patienten gegenüber offen zu sein, die nur noch kurze Zeit zu leben haben: «Oft wollen sie ihren Angehörigen noch etwas Letztes sagen.»

Gabriella sagt, sie habe von Lotti gelernt, mit dem Sterben umzugehen: «Heute weiss ich, dass der Tod zum Leben gehört wie ein Glas Wasser trinken.»

Das Projekt der beiden Frauen hat mit Lottis kürzlicher Ernennung zur Schweizerin des Jahres einen krönenden Abschluss gefunden. Doch schon schmieden sie neue Pläne. Lottis Augen leuchten:

«Wir möchten ein paar aidskranke Kinder aus Abidjan in die Schweiz nehmen. Wir wissen noch nicht, welches die richtige Jahreszeit ist. Die Idee entstand im Winter, als wir durch die Zürcher Bahnhofstrasse gingen und den Samichlaus sahen, die Lichter und das Märlitram.»

Lotti schwärmt: «Da dachte ich: Das müssen sie sehen. Der Mensch lebt doch vom Schönen, und dort, in den Slums von Abidjan, ist davon so wenig zu sehen.» Natürlich gebe es eine Reihe von Problemen zu lösen: «Einerseits brauchen wir Sponsoren. Andererseits haben die Kinder keine Geburtsurkunden. Gewissermassen leben sie ohne offizielle Identität. Also müssen wir die Papiere fälschen, aber damit haben wir schon etwas Erfahrung.»

Lotti hat in den Slums von Abidjan, wie sie sagt, «den Kern des Lebens entdeckt», und da will sie drin bleiben – in Armut und Elend, aber auch in diesem gesteigerten Sinnerleben: «Ja, ich habe in Abidjan den Sinn meines Lebens entdeckt. Es ist wie im Film · Le Grand Bleu: eine Obsession, eine Droge, eine Sucht. Die Aidskranken von Abidjan können es auch ohne mich machen, aber ich kann nicht mehr ohne sie sein.» Damit hat Lotti ihre Freundin Gabriella angesteckt.

Weltwoche,