Liebe Gönnerinnen und liebe Gönner

Ein bisschen sehr spät, aber nicht weniger von Herzen, wünsche ich Ihnen für das Jahr 2018 gute Gesundheit, vor allem aber, dass Sie die Hoffnung nie verlieren. Die Hoffnung nämlich, dass unsere Welt friedlicher wird. Vor allem für die, die im Moment leiden. Denn es ist die Hoffnung, die uns die Möglichkeit gibt, daran zu glauben, dass alles gut kommt.

Hier in Bassam geniessen wir unser wunderschönes Zuhause. Inzwischen haben alle Blumen, Sträucher und Bäume, die Aziz gepflanzt hat, Wurzeln geschlagen. Sogar Sonnenblumen sind gewachsen, was bei diesem feuchten Klima ein kleines Wunder ist. Für unsere Kinder, Patienten und Mitarbeiter sind Sonnenblumen sehr exotische Blumen. Als ich ihnen sagte, dass sie auf Französisch Tournesol heissen und ihnen erklärte, dass diese Blume ihre Köpfe immer zur Sonne drehen, und wir es ihnen gleichtun und uns auch immer zum Licht wenden sollten, fanden sie, das sei die schönste Blume der Welt! Die Kinder sind glücklich, sie haben nach so vielen Jahren in diesem furchtbaren Slum von Adjouffou ein besseres Leben bekommen und geniessen es sehr.

Sonnenblumen Homepage

Therese, Marie-France und Ernest
Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die mich sehr glücklich macht. Vor 15 Jahren ungefähr – da waren wir noch im Slum von Adjouffou – ging ich eines Abends gegen 21 Uhr auf den Nachtmarkt, um dort etwas zu essen. Der Nachtmarkt war damals und ist heute noch ein Platz, der nur von Petrollampen beleuchtet ist. Es gibt dort viele alte, kaputte Tische, auf welchen Frauen und Männer Essbares zubereiten und verkaufen. Ich hatte Lust auf Poulet Braisé mit Attieke, eine Art gegrilltes Hähnchen mit einem wie Couscous aussehendem Maniok-Gericht. Ich wartete also vor dem entsprechenden Stand, als mein Blick auf ein junges Mädchen fiel, das auf einer harten Bank sass. Ich ging auf sie zu und fragte:

„Guten Abend, Kleine, was machst Du hier um diese Zeit, allein auf diesem doch etwas gefährlichen Markt? Glaubst Du wirklich, dass das ein guter Platz für Dich ist?“ Sie antwortete sofort: „Meine beiden Geschwister und ich haben Hunger.“

Ich wusste, dass viele Strassenkinder unter diesen alten Tischen schlafen, da sie kein Zuhause haben, und von dem leben, was sie aus dem Abfall fischen. „Wie heisst Du und wie alt bist Du?“, fragte ich sie. „Ich heisse Therese und bin 13 Jahre alt. Meine Schwester ist fünf und mein Bruder vier.“ Ich bestellte zusätzlich ein Hähnchen und viel Attieke für sie und sagte: „Ich heisse Madame Lotti, geh zu Deinen Geschwistern, esst und dann kommt morgen zu uns ins Centre L’Espoir, ich wünsche Dir eine gute Nacht!“ Ich hätte tausend Fragen gehabt, aber der Moment war nicht der Richtige. Ob sie kommen würde, das stand in den Sternen, die diese Nacht sehr hell strahlten. Dass ein dreizehnjähriges Mädchen um Essen betteln musste, riss mir fast das Herz aus der Brust. Der Appetit war mir vergangen, und ich schenkte mein Essen einem anderen Kind, dass da vor mir stand und mich traurig anschaute. Es sind ja so viele...

Am nächsten Morgen stand Therese tatsächlich vor mir, an jeder Hand ein Geschwisterchen, die sie mir sogleich vorstellte: „Das ist Marie-France, 5 Jahre alt, und das ist Ernest, 4 Jahre alt!“ Der Junge, dessen Füsse in zerschlissenen Schuhen steckten, sah sehr aufgeweckt aus. Das kleine Mädchen, sie trug ein zerrissenes Röcklein aus dem sie längst rausgewachsen war, hingegen sah traurig aus, Schuhe hatte sie keine. Einer ihrer Füsse war mit einem sehr schmutzigen Lumpen umwickelt. Vom Geruch, der davon ausging, will ich jetzt nicht reden. „Wo sind denn Eure Eltern?“, wollte ich nun von Therese wissen. „Unsere Mutter ist tot. Mein Vater ist Seemann, also nie zu Hause, Marie-Frances Vater ist gestorben und Ernests Vater ist wieder verheiratet, hat eine Bar, ist jede Nacht betrunken und hilft uns nichts. Wir leben bei einem grossen Bruder, der noch in die Schule geht, aber er hat auch kein Geld.“ Kaum zu glauben, was sie da erzählte, ich würde meinen Sozialassistenten da vorbei schicken müssen, um alles zu prüfen. „Was ist denn mit Marie-France nicht in Ordnung?“, fragte ich sie. Sie setzte Marie-France auf einen Stuhl, nahm ihr den Verband ab und was ich sah, liess mich kaum mehr los. Marie-France hatte keine Ferse mehr, da war nur ein grosses Loch. Es erstaunte mich, dass sie nicht stöhnte vor Schmerz, sie sass einfach nur da und gab keinen Ton von sich. Ich sah mir diesen Fuss genauer an und stellte fest, dass auch zwei Zehen fehlten.

Therese Ernest Marie France klein Homepage             Therese Ernest Marie France klein auf Treppe Homepage

„Therese, hast Du sie nie zu einem Arzt gebracht?“ Ich vergass völlig, dass sie ja selbst noch ein Kind war.
„Doch, ich habe sie hie und da gebracht, aber das Geld fehlte mir und niemand half uns.“ „Hat sie denn keine Schmerzen?“ „Nein. Sie kann auch nicht spüren, wenn sie den Fuss anschlägt, der Fuss ist wie tot.“ „D’accord“, sagte ich, „ich werde Euch zuerst einmal bei uns behalten, ihr werdet Pflege, Nahrung und bessere Kleider bekommen und neue Schuhe. Zuerst einmal werden wir uns aber jetzt gleich um Marie-France’ Fuss kümmern. Bitte geh nach Hause und informiere Deinen grossen Bruder und Ernests Vater, dass ihr vorläufig bei uns bleibt.“ Gesagt, getan, der Vater war sehr froh über diese Nachricht. Ich brachte Marie-France zu Professor Assi, einem Fuss-Spezialisten, der Drepanozytose diagnostizierte. Eine chronische Krankheit der roten Blutkörperchen, die verkrüppelt sind und deshalb den Sauerstoff nicht richtig transportieren können. Diese Krankheit kommt nur im Süden vor und es gibt keine Medikamente, denn die pharmazeutische Industrie interessiert sich nicht dafür. Die Menschen, welche davon betroffen sind, verkrüppeln langsam und/oder haben lebenslange Wunden, die nicht heilen. Und wenn sie an einer schweren Form leiden, werden sie kaum älter als 30 Jahre. Was helfen würde, wäre alle sechs Wochen frisches Blut. Aber das, das kostet.

Marie-France hatte Glück, sie litt und leidet heute noch unter der leichten Form. Professor Assi nahm sie zu sich und innert einem Jahr war ihre Ferse so gut verheilt, dass sie wieder Sandalen tragen konnte. Dass war der Moment, wo Therese uns bat, wieder ganz die Mutterrolle übernehmen zu können, also haben wir ein kleines Häuschen für die drei gemietet, ihr Essen subventioniert und sie eingeschult. Alle drei wussten immer, dass sie jederzeit zu uns kommen konnten, was sie auch regelmässig taten.

Und heute? Heute hat Therese einen kleinen Sohn, der sie glücklich macht. Der Vater ist zwar nicht mehr bei ihr, dafür aber Ernest und Marie-France. Marie-France, inzwischen 20 Jahre alt, arbeitet als Sekretärin und Ernest, heute 19, machte eine brillante Matura und absolviert inzwischen ein Jurastudium. Die Kosten für die Ausbildung übernehmen wir, genau wie bei 800 anderen Kindern.

Als Marie-France ihren ersten Lohn erhielt, brachte sie ihn mir. Ich dankte ihr dafür, bat sie aber, ihn Therese zu bringen, denn wenn diese grosse Geste jemand verdient hatte, dann SIE. Ernest und Marie-France, das weiss ich, vergessen nie, was Therese für sie gemacht hat.

Ernest Marie France und Lotti heute Homepage                                   Therese et David 2 Homepage

Das Schicksal dieser drei bestätigt mir wieder einmal, dass es wichtig ist, langfristig an einem Ort zu sein. Sehen zu können, wie die Kinder gross werden, sicher zu sein, dass sie alles bekommen, worauf ein Kind Anrecht hat, und dazu erst noch viel, viel Liebe, das macht uns glücklich.

Das, liebe Gönnerinnen und liebe Gönner, ist auch IHR Werk. Sie helfen mit, dass wir selbst die Hoffnung nie aufgeben, dass es immer weiter geht, so schwer, so schmerzhaft und so ungerecht das Leben auch sein kann. Dank Ihnen wird das Leben vieler besser.

Mit grossem, aufrichtigem Dank!
Ihre


Lotti Latrous