Ich hoffe, dass es Ihnen allen den Umständen entsprechend gut geht, und wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr, vor allem gute Gesundheit, trotz allem viel Lachen, Sonnenschein und Glück . Und dass das Virus uns das Leben bald nicht mehr so schwer macht.

Unser Leben in Grand-Bassam war nicht so schwer betroffen wie das Ihrige. COVID hat die meisten afrikanischen Länder bisher nur vergleichsweise leicht getroffen, in der Elfenbeinküste waren sehr wenige Menschen infiziert, wie sich die Lage entwickeln wird, das steht in den Sternen. Was wir im März letzten Jahres befürchteten, ist bis heute zum Glück nicht eingetreten. Natürlich passen wir immer noch sehr auf und schützen uns, aber wir sind nicht nur umgeben von wunderbarem Kinderlachen, sondern dürfen die Kinder auch in die Arme nehmen. Was vor allem wichtig war, als unsere Grossen ausgezogen sind. Ohne sie zu drücken, hätten wir sie nicht ziehen lassen wollen. Und es waren einige: Ich beginne mit Christophe, Jérôme und Eli. Sie sind zwischen 18 und 20 Jahre alt und haben alle drei die Marine Akademie begonnen. Laurent, gerade 20 geworden, fand einen Platz an einer sehr guten Hotelfachschule, er will dort Koch lernen. Adama, 21, studiert an der Universität Politikwissenschaften. Ihre grossen Vorbilder sind Abel, 22, der bereits im zweiten Jahr an der amerikanischen Universität Mathematik und Physik studiert und als bester Student seines Jahrgangs ein Stipendium erhielt! Aber auch Carol, 22, zeigt ihnen, was sie alles erreichen können. Sie ist im zweiten Jahr an der Universität und studiert Journalismus. Youssouf, 23, hat eine Ausbildung als Schneider hinter sich und arbeitet inzwischen in verschiedenen Funktionen in unserem neuen Dörfli, wo er von allen sehr geschätzt wird. Und Marie-Jeanne, 24, liess sich zur Patissière ausbilden und fand eine Anstellung in einer Schoggi-Fabrik. Über die Festtage und während den Ferien kommen sie alle zu uns «nach Hause». Auch allen unseren anderen 35 Kindern, sie sind zwischen 2 und 20 Jahre alt, geht es sehr gut. Sogar Yasmine!

YASMINE
Yasmine kam vor zwei Monaten zu uns, gerademal 14 Jahre alt, bis auf die Knochen abgemagert und sterbenskrank. Sie leidet am HI-Virus und erinnerte mich sehr an Clarisse, die vor anderthalb Jahren bei uns im Alter von nur 12 Jahren starb. Yasmine hatte, als sie ankam, unablässig Durchfall, der sie fast umbrachte. Es ist ein Teufelskreis: Durch den Durchfall wurde sie dehydriert und musste Infusionen erhalten – aber: die vielen Infusionen liessen ihren Hämoglobinspiegel derart sinken, dass wir wirklich grosse Angst um sie hatten. Aber Yasmine klammerte sich mit all der Kraft, die sie noch in sich hatte, ans Leben! Sie wollte noch nicht gehen, sie wollte bleiben.

Tag für Tag setzte ich sie in einen unserer Rollstühle und besuchte mit ihr die verschiedenen Anlässe, die wir zur Weihnachtszeit veranstalteten. Sie war sehr müde, aber sie wollte dabei sein. Einmal, als unsere älteren Mädchen einen über Tage einstudierten Tanz vortrugen, fragte sie mich: «Meinst Du, dass ich auch wieder einmal so tanzen kann?» Und ich nickte vehement: «Ja, Yasmine, natürlich wirst du wieder einmal so tanzen und zwar noch viel besser!» Und ich weiss nicht, wer von uns beiden dabei mehr lächelte. Sie oder ich. Und ich verdrängte mit aller Kraft den Gedanken, dass dieser Tanz vielleicht eher im Himmel als auf Erden stattfinden würde. Das Einzige, was in diesem Moment zählte, war, dass ich wusste, sie würde tanzen.

Nie im Leben werde ich unseren Samichlaus-Tag vergessen, den wir für unsere Kleinen veranstaltet hatten. Yasmine sass mit uns im Garten und sah, dass jedes Kind ein Geschenk erhielt, und als der Samichlaus ihren Namen aufrief und dabei ein kleines Geschenk aus seinem Sack nahm, fragte ich sie, ob ich ihn bitten solle, zu ihr zu kommen. «Nein», antwortete sie ganz ernst, «ich gehe zu ihm!»
Hpge 2021 Feb Yasmin et Pere Noel

Yasmine mit dem Samichlaus

Sie brauchte all ihre Willenskraft um aufzustehen und dem Samichlaus entgegen zu gehen, und ich war froh, dass auch er auf sie zukam; sie warf sich in seine Arme und schluchzte: «Merci, merci!» Der Samichlaus, es war übrigens mein Neffe, brach in Tränen aus – ich selber weinte schon lange. Wir durften ihr ein kleines Stück nie gelebter Kindheit schenken. Ein unfassbar schöner Moment!

Heute geht es Yasmine bereits einiges besser. Dass es so ist, hat sicher auch mit Ange zu tun, der seit Anfang Dezember in unserem Dörflein lebt und der sie wie eine Schwester angenommen hat. Er ist 19 Jahre alt und ist – wie sie auch – mit Aids infiziert. Warum er bei uns lebt? Nun, er machte eine Lehre als Patissier. Bis er sich im März 2020 mit einer ganz schweren Tuberkulose der Wirbelsäule infizierte, die seine Beine lähmte. Die traurige Diagnose: Ange wird nie wieder gehen können. Als dies klar war, verliess ihn seine Freundin und mit ihr auch sein Lebenswille, wir machten uns sehr grosse Sorgen um ihn. Und hatten dann aber eine Art «Erleuchtung»: Was in unserem neuen Dörflein noch fehlte, war ein Patissier. Und zwar einer, der diese wunderbar gefüllten Pfannkuchen herstellen konnte, wie kein zweiter: Ange! Also haben wir alles so installiert, dass er auch vom Rollstuhl aus arbeiten kann. Seither kocht er am Mittwoch für unsere Seniorinnen und Senioren jeweils das Abendessen. Und zwar gefüllte Pfannkuchen mit Salat. Das schmeckt allen so gut, dass Ange nicht mehr wegzudenken ist aus unserem Dorfleben. Und ich muss gestehen, dass auch ich ganz zufällig (!) jeden Mittwochabend um die Abendessenszeit ins Dörflein «muss» – irgendeinen wichtigen Grund findet man schliesslich immer.
Hpge 2021 Feb Yasmin et Ange Decembre 2020 2                Hpge 2021 Feb Yasmin Decembre 2020
Ange und Yasmine

AYOBÂ L’ESPOIR
Sie sehen: Mein Traum vom afrikanischen Dörflein ist wahr geworden, es trägt den Namen AYOBÂ L’ESPOIR. Eingeweiht haben wir es am 5. Dezember. Wir haben alleinlebende Seniorinnen und Senioren, die in prekären Verhältnissen lebten, aufnehmen können. AYOBÂ L’ESPOIR heisst übersetzt «Guten Tag Hoffnung». Was für ein riesengrosses Glücksgefühl mich befiel, als ich sie bei der Einweihung alle beisammensitzen sah, in ihrem Rollstuhl, auf ihre Krücken gestützt, aber alle so unheimlich glücklich und dankbar, endlich ein Zuhause gefunden zu haben, in welchem sie ihren Lebensabend in Liebe, Respekt und Würde verbringen dürfen. Wo es drei Mahlzeiten täglich gibt, heisses Wasser zum Duschen, Strom in den Häuschen; sogar einen Fernseher! Kleiderbügel, eine Kommode für die Wäsche und – EIN BETT! Ein Bett mit einer Matratze anstelle einer Strohmatte auf dem nackten Boden. Hühner ums Haus, die Eier legen, einen Kräutergarten, Bananenbäume, einfach alles, was in ein und zu einem Dorf gehört. Unsere kleinen Zwerge im Waisenhaus kommen oft zu Besuch und füllen das Dörflein mit Lachen und Kreischen. Sie haben Grosseltern gefunden, und unsere Seniorinnen und Senioren Enkelkinder – es ist eine Welt der Freude und des Glücks!

Und genau dort haben wir unseren Weihnachtsabend verbracht. Im Ayobâ. Aziz hat auf dem Dorfplatz ein Feuer gemacht, und alle Senioren, Patientinnen aus dem Spital, Kinder aus dem Waisenhaus und die Mitarbeitenden, waren anwesend. Die Kinder haben gesungen, Carol hat Stellen aus der Bibel vorgelesen und es wurde viel gebetet, auch für Sie!
Hpge 2021 Feb Weihnachten 2020 in Ayoba          Hpge 2021 Feb Ayoba nouveau residents2
Weihnachten 2020 in Ayobâ                                                                                                      Ayobâ, das Dörflein am 5. Dezember 2020

Liebe Gönnerinnen und Gönner, ja, wir haben alle für Sie gebetet, haben unsere Stimmen erhoben und sie gesegnet, denn nur dank Ihrer Hilfe existieren unsere Projekte, dürfen wir Tausenden von Menschen das Leben retten, Hunderte von Müttern mit Mietzins und Essen unterstützen, unzählige Menschen pflegen, wenn sie krank werden, und 800 Kinder einschulen und vieles mehr! Im Namen unserer ganzen, riesengrossen Familie, im Namen unserer 80 Mitarbeitenden, im Namen all derer, die dank Ihrer Hilfe ein einfaches, gutes, würdiges Leben leben dürfen, danke ich aus ganzem Herzen. Gott segne Sie.

Ich verbleibe mit meinen respektvollsten Grüssen und Wünschen, Ihre
Lotti Latrous