"Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.“
Saadi, persischer Dichter


Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner

Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass es Ihnen allen gut geht.

Von unserem neuen Dorf Ayobâ habe ich Ihnen schon viel erzählt, nun gibt es nochmals Neuigkeiten. Mein Mann Aziz hat in den letzten zwei Monaten in Ayobâ noch einen Aufenthaltsraum hingezaubert. Einen Raum, in welchem unsere Seniorinnen und Senioren die Möglichkeit haben, ihre Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen, miteinander fernzusehen, Gesellschaftsspiele zu machen, und hie und da organisieren wir einen Tanzabend samt gutem Essen. Der erste ging schon über die Bühne und es war einfach nur eine helle Freude. Die Kinder wurden auch eingeladen, und Jung und Alt hatten eine gute Zeit zusammen. All diesen Menschen ein Zuhause geben zu dürfen, wo sie so glücklich sind wie noch nie zuvor in ihrem Leben, ist ein unsagbar grosses Geschenk.


Und wenn wir schon bei Geschenken sind – es ist auch ein grosses Geschenk, dass ich Ihnen in meinen Trimesterbriefen von Menschen und ihren Geschichten erzählen darf. Meistens sind es mehrere, in diesem Brief möchte ich Ihnen nur eine erzählen – sie handelt von Nächstenliebe und sie handelt von unseren Waisenkindern und – sie macht mich unglaublich glücklich. Also:

Was ich unsere Waisen nie vergessen lassen möchte, ist die Tatsache, dass die Welt vor unserer Tür eine andere ist als die, die sie bei uns kennen. Unser Centre l’Espoir – und das sollen sie verinnerlichen – ist eine Insel. Das Leben ausserhalb dieser Insel besteht aus Leid, Hunger, Krankheit, Armut und massiver Ungerechtigkeit. Eines Tages realisierte ich, dass unsere Kinder die wahre Realität Afrikas kaum kennen, wie auch? – sie leben in einem schönen, warmen Nestlein, das sie ganz sicher voll und ganz verdienen, ja, das tun sie, denn sie alle sind mit dem HI-Virus infiziert, haben ihre Eltern verloren und würden ohne uns schlicht nicht überleben. Aber es gibt tausend andere, ach, was sage ich, Millionen von Kindern, die dieses Glück nicht haben, die nicht in einem wunderschönen Haus samt Garten und Mangobaum leben, sondern in einer miserablen Hütte. Kinder, die kein Bett haben, die – falls sie ihre Eltern verloren haben – keine liebende Nanny haben, die sich wirklich um sie kümmert. Kinder, die, wenn sie an Malaria, Durchfall, Bronchitis oder was auch immer erkrankt sind, nicht behandelt werden, da die Eltern kein Geld haben, es sei denn, sie haben von uns gehört, wo sie gratis behandelt werden.  Kinder, die hungrig schlafen gehen müssen und am Morgen Kleider anziehen müssen, die diesen Namen nicht verdienen. Kinder, die nie eine Schule betreten werden, und wenn, dann eine öffentliche, in der in einer Klasse mehr als 100 (!) Kinder sitzen. Diese Realität sollen unsere Kinder kennen, deshalb nehme ich die grösseren ab 14 Jahren immer wieder mal auf meine Besuche nach Odoss mit. So heisst der Slum, der an unser Grundstück grenzt. Bei diesen Besuchen schaue ich, wer was braucht, sei es Lebensmittel, einen Kleinstkredit oder eine medizinische Versorgung. Und die Kinder bringen etwas Kleines mit, so haben sie eine Aufgabe und verstehen gleichzeitig, was für ein immenses Glück sie haben. Es ist mir ganz wichtig, unsere Kinder zu sensibilisieren, so dass sie eine Verantwortung diesen Menschen gegenüber entwickeln. Und ich möchte, dass sie sich bewusstwerden, dass es nicht selbstverständlich ist, ein solch privilegiertes Leben zu führen, wie sie es bei uns leben dürfen.

Bis vor Kurzem hoffte ich, dass es mir gelingt – heute weiss ich, dass es mir gelingt. Denn vor kurzem kam Reine, eine unserer Waisen, in mein Büro und sagte: «Maman, ich habe heute einen meiner Röcke einem Mädchen, das in Odoss lebt, gegeben. Und dieses Mädchen war so gerührt, dass sie anfing zu weinen!». Und als ich sie erstaunt ansah, meinte sie, dass nicht nur sie, sondern auch die anderen grösseren Waisen immer wieder mal nach Odoss gehen. Um zu helfen. Und sie sind kreativ in ihren Ideen, sie backen Kuchen, den sie verteilen, sortieren aus den Schuh- und Kleiderspenden, die wir bekommen, Schuhe oder Kleider raus, die sie nach Odoss bringen. Und es sind schöne Kleider. Kleider, die ihnen gefallen, und nicht solche, die sie nicht haben wollen! Und – eben – ich wusste das alles nicht einmal, auch weil die Nannys mir nichts erzählten, aber natürlich auf alles ein sorgendes Auge haben, bis Reine in mein Büro kam und vom schönen Rock erzählte und vom Mädchen, das zu Tränen gerührt war. Ich fragte sie: «Und Du, wie hast Du Dich dabei gefühlt?». Sie antwortete mir: «Ich musste auch weinen, aber weinen vor Glück.» Ja, das ist Seelenfrieden.

Es hat mich dank Reine dann gar nicht erstaunt, als fünfzehn unserer Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwei Wochen vor Ostern zu mir kamen und sagten: «Wir möchten unser Osteressen den Kindern von Odoss geben.» Ich sagte ihnen, dass es in Odoss mehrere Hundert Kinder gäbe, ich aber helfen würde, etwas Entsprechendes zu organisieren. Ich bat einen unserer Mitarbeiter, der selber in Odoss lebt, die fünfzig ärmsten Familien ausfindig zu machen. Alle anderen, versprach ich ihm, würden ein anderes Mal zur Reihe kommen.

Und – es wurden die schönsten Ostern! Am Sonntag standen all unsere Kinder in der Küche und kochten tonnenweise Reis mit Hühnchen und Lammfleisch und dazu viel, viel Gemüse, das wir dann für die Familien abpackten. Und ein paar Tage zuvor hatten die Kinder für jede der 50 Familien ein «Fresspäckli» zusammengestellt, mit verschiedenen Grundnahrungsmitteln wie Reis und Mehl, Salz und Zucker und Kleidern und zusätzlich einem Gesundheitsbüchlein, das wir neu verteilen, und zwar samt einer Gratisbehandlung bei uns.


Ostern 2021 Odoss 8 WEB       Ostern 2021 Odoss 9 Kids preparation WEB

Um 12 Uhr war es dann soweit: Dutzende von Frauen, hunderte von Kindern standen vor unserem Dorf Ayobâ, zum Glück hatte ich daran gedacht, vier Riesenpakete – leider nicht zuckerfreie, die gibt es hier nicht– Zältli zu kaufen, damit kein einziges Kind mit leeren Händen heim gehen musste. Die Freude war unbeschreiblich, strahlende Augen, lachende Gesichter, es gab Musik und zig Luftballone – so schön hatten unsere Kinder das alles vorbereitet. Und es war nicht so, wie wenn Almosen verteilt würden, es war würdevoll. Und immer wieder hörten wir, wie so oft: «Merci! Que Dieu vous bénisse.» Danke, Gott möge Euch segnen. Und wir wünschten dasselbe zurück. Und sagten im Stillen danke dafür, dass wir solche Freude bereiten dürfen.

Ostern 2021 Odoss 2 Gruppe WEB              Ostern 2021 Odoss 1 Frau mit Kind WEB            

Wir alle, also alle Waisen, die Nannys und Köchinnen, Aziz und ich, setzten uns danach unter den grossen Mangobaum im Garten und assen Reis. Ohne Fleisch. Ohne Geflügel. Ohne Gemüse. Aber – noch nie hat ein Essen so gut geschmeckt wie dieses; die Freude über das Geben war grösser als die Freude am Bekommen, genauso, wie es sein soll.

Ein paar Tage später hatten wir dann das Einweihungsfest unseres Aufenthaltsraumes in Ayobâ, von welchem ich Ihnen zu Beginn dieses Trimesterbriefes schon geschrieben habe. Es wurde gelacht und getanzt. Und ja, wir müssen mit denen, die leiden, mitleiden, aber schöner noch ist es, dieses Leiden zu lindern und sie durch Freude und Würde zu ersetzen. Und das ist uns gelungen. Gelingt uns seit Jahren – fast jeden Tag. Und dass es gelingt, das verdanken wir Ihnen!
Village mami et papi 042021 WEB       2021 04 23 apatam inauguration Aziz WEB

Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner, ich danke Ihnen aus ganzem Herzen für Ihre Hilfe, für Ihr Mitfühlen und für Ihre Gebete. Ohne Sie wären wir machtlos all dem Leid gegenüber, und ich möchte Ihnen einfach sagen, was mir so oft gesagt wird und mir immer wieder direkt ins Herz geht: «Danke, und Gott möge Sie segnen».

Ihre Ihnen so sehr dankbare
Lotti Latrous

Für einmal ein PS: Vergessen Sie Reine nicht, ich werde Ihnen ihre Geschichte vielleicht später erzählen. Und ich bin sicher, diese wird Sie so zu Tränen rühren, wie der geschenkte Rock das Mädchen aus Odoss zu Tränen gerührt hat.