"Einen Ort zu haben, an den man gehen kann, ist ein Zuhause.
Jemanden zu haben, den man liebt, ist Familie.
Beides zu haben, ist ein Segen."
Donna Hedges


Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass meine Zeilen Sie bei guter Gesundheit vorfinden. Bei uns geht es allen gut, die Kinder sind wohlauf und gesund.

Auch in Ayobâ, unserem Dorf, fühlen sich alle wohl, unsere Senioren haben sich sehr gut eingelebt. Und das schönste Kompliment, das ich erhielt und das mich zu Tränen rührte, war, als unser „Papa Gilbert“ mir eines Tages sagte: « Maman», (er ist 74 Jahre alt), «ich bin zu Hause angekommen.»


Zu Hause angekommen. Das heisst, dass dieser arme, fröhliche Mann, der an Parkinson, Bluthochdruck und Arthrose leidet, sich vorher noch NIE zu Hause gefühlt hat. Ich fand ihn in einer miserablen Hütte mit seinem Sohn Samuel, der vor zehn Jahren von einer Kokospalme heruntergestürzt war und seither gelähmt ist. Es ging mir so richtig unter die Haut, als ich wirklich realisierte, was es heisst, zu Hause zu sein. Und wenn mir unsere Studenten vor den Ferien jeweils schreiben, «Maman, wir kommen nach Hause», dann bin ich einfach nur glücklich und dankbar. Denn ja, obwohl sie als Aidswaisen ausgestossen worden waren, haben sie heute ein Zuhause!

Samuel ist auch bei uns, er will nun die Matura nachholen und studieren. Er ist sehr intelligent, und ich bin sicher, dass er sein Leben trotz seiner Lähmung meistern wird. Er teilt sich das Häuschen mit seinem Vater, und oft spielen die beiden Scrabble bis spät in die Nacht. Häufig sehe ich Papa Gilbert aber auch alleine Scrabble spielen, ich fragte ihn, wie er das denn mache. Er lachte und sagte: «Oh Maman, das ist doch ganz einfach. Die rechte Hand bin ich und die linke mein Gegner!» Später habe ich ihm das Domino-Spiel beigebracht – jede freie Minute erinnert er mich daran, und dann wird gespielt. Und wenn er mit seiner freien Hand wegen seinem Parkinson auf den Tisch hämmert und ich ihm sage: «Bitte gedulden Sie sich etwas, ich brauche Zeit zum Überlegen», dann lacht er sein herrliches Lachen und ist glücklich, und ich nicht weniger.

Gilbert Mr 2021 05 15 v2                            Samuel 1 07.2021
Papa Gilbert                                                                                                                                                     Samuel will auch Deutsch lernen

REINE ESTHER
In meinem letzten Brief hatte ich erwähnt, dass ich mehr über eines unserer Kinder erzählen wollte. Über Reine, dem Mädchen, dass aus Eigeninitiative den Kindern in Odoss, dem Slum hinter unserem Centre, Gutes tun wollte.  Ich hatte bereits im April mit dem Schreiben begonnen und es dann auf die Seite gelegt für diesen neuen Brief. Und das musste offenbar so sein… es ist traurig, Sie werden gleich erkennen wieso:

Die fünfzehnjährige Reine lebte, bevor sie vor acht Jahren zu uns kam, mit ihrer Grossmutter in einem anderen Quartier, ihre Eltern waren gestorben. Gegenüber ihrer Hütte wohnten ein paar katholische Schwestern, die sich um die Schulung junger Mädchen kümmerten. Schwester Christina liebte Reine sehr, stellte aber fest, dass das Mädchen immer wieder krank war. So kam sie zu uns. Wir machten diverse Laboranalysen und mussten feststellen, dass die kleine Reine sehr krank war, dass es sogar an ein Wunder grenzte, dass sie noch lebte. Sie war mit dem HIV-Virus infiziert und litt zudem unter einer Sichelzellenanämie und unter Beta Thalassämie, einer schweren Bluterkrankung. Die Lebensprognose war zwischen 14 und 15 Jahren, doch würde Reine nicht so lange leben, wenn sie nicht alle sechs Wochen «frisches» Blut erhielt. Wir brachten sie jeweils in eine hämatologische Klinik, ohne diese Bluttransfusionen wäre sie schon lange gestorben. Die Behandlung ist teuer, und es tut mir sehr weh zu wissen, dass es sicher viele Kinder gibt, die unter dieser Krankheit leiden und daran sterben, wenn sie noch klein sind. Bei Reine wurde also alle sechs Wochen eine bestimmte Menge ihres kranken Blutes abgenommen und durch gesundes ersetzt. Dabei kommt es aber zu einer Eisenüberladung, welche nicht vom Körper abgebaut werden kann. Das Eisen lagert sich in den Organen ab, zudem kommt es zu Missbildungen – daher die kleine Statur und die eigentümliche Kopfform. Auch ihre Wirbelsäule war sehr krumm. Und dennoch: Reine war nie unwillig, nie schlecht gelaunt, immer fröhlich und positiv, und wie im letzten Brief beschrieben liebte sie es, anderen zu helfen. Oft mussten wir sie in unser Spital nehmen, wenn sie einen Herzanfall erlitt und Sauerstoff brauchte – ihr Herz war nicht mehr stark genug. Ein oder zwei Mal dachten wir auch, es sei das Ende, aber jedes Mal kam sie wieder zu sich. Sie wäre schon lange gestorben, wäre sie nicht bei uns.

Ihre alte Grossmutter lebte unterdessen bei einem Schwiegersohn in ihrem Dorf. Doch eines Tages wurde sie von ihm ausgestossen – sie leidet unter Alzheimer und machte immer so «komische Sachen». Ich weiss nicht, wie sie bis nach Abidjan kam, ohne Geld, ohne Erinnerung an ihr altes Quartier. Sie wurde uns von einer Frau gebracht, die sie auf der Strasse aufgelesen und in ihrer Handtasche die Adresse des Centres gefunden hatte. Jetzt lebt sie in Ayobâ, und Reine war überaus glücklich, ihre «Grand-Maman» nach acht Jahren wieder gefunden zu haben. Mit viel Liebe und Geduld kümmerte sie sich um ihre Grossmutter, die sie aber meistens gar nicht wieder erkannte.

2020 10 15 10.41.42 Reine et Abraham

Unsere Reine, hier mit Abraham


Reine freute sich unheimlich darauf, dass Sarah, unsere Tochter, im Juli kommen sollte, um mit uns allen die Ferienkolonie zu geniessen. Ein paar Tage vor Sarahs Abflug aus London skypten die beiden, und Sarah zeigte ihr Kirschen und versprach, ihr ganz viele davon mitzubringen. Sie zeigte ihr, wie man sie um das Ohr hängen kann, die Vorfreude war immens – ich weiss es noch, als ob es gestern war. Am vierten Juli skypten die beiden, Sarah würde am zehnten kommen. Reine ging es jedoch seit ein paar Tagen nicht sehr gut, doch die Spezialisten konnten nichts Abnormales finden. Sie brauchte kein Blut und hatte keine Malaria, und doch war da dieses Unwohlsein. Am Mittwochmorgen, dem siebten Juli um sieben Uhr sass Reine auf ihrem Bett, müde aber doch fröhlich, denn Sarah käme ja bald, mit Kirschen! «Ja», sagte ich zu ihr, «ruh Dich noch schön aus». Sie nahm ihr Frühstück, und ich ging in mein Büro. Um zehn Uhr wurde ich geholt! Es war eine grosse Aufregung, alle drei Ärzte wie auch das Pflegepersonal standen um ihr Bett herum. Reine erhielt Sauerstoff und hing am Tropf, doch sie lag bereits im Koma. Ich konnte ihr nur noch einen Kuss auf die Stirn geben, sie segnen und streicheln und schon war sie gestorben. Es war ein Riesenschock, wir konnten es nicht glauben. Es war unfassbar, auch wenn wir eigentlich wussten, dass ihr Leben schon bis zum Maximum gelebt worden war.

Maman Elisabeth Reines Grossmutter August 2021Ich bat die Krankenpfleger, ihr Haar zu ordnen und ihren Kopf auf ein schönes Kissen zu legen, denn ich musste die anderen Kinder informieren. Ich wollte, dass sie ihrer Schwester «au revoir» sagen konnten, denn nur so würde ein richtiges Trauern möglich sein. Alle waren tief betroffen, denn wie nur hätten wir uns vorstellen können, dass Reine gerade jetzt gehen muss! Ich erklärte ihnen, dass unser Vater im Himmel sie gerufen habe, dass ER seine Türe für sie geöffnet habe und dass sie nun ein Engel werde, der über uns alle wacht. Wie traurig war es anzusehen, als sie da alle kamen, eines nach dem anderen, mit Blumen in den Händen, und wie unglaublich stark war es von ihnen, wie sie Reine auf die Stirn küssten, ein Gebet oder eine Sure aufsagten oder einfach ganz still ihrer Schwester eine gute Fahrt wünschten. Es war genau wie vor zwei Jahren beim Tod von Clarisse.

Reines Grossmutter war bereits während mehrerer Stunden bei ihr – sie war von alleine von Ayobâ herübergekommen, ganz im Stillen, als ob sie es geahnt hätte. Dies mag fast unheimlich tönen, aber sie war da. Sie hatte auch die Kraft, zwei Tage später mit uns an die Beerdigung zu kommen. Ausser ein paar katholischen Schwestern, einer Tante und der Grossmutter hatte Reine nur noch uns. Und doch waren wir über 90 Personen am Grab, das ganze Personal, alle Kinder, ihre Brüder und Schwestern, wir alle, ihre ganze grosse Familie begleiteten sie «nach Hause». Frieden sei mit Dir, Reine, wir werden Dich nie vergessen – und ich habe wieder eine neue Narbe im Herzen.


Auch Sarah war untröstlich, sie hatte Reine sehr geliebt. Ich konnte ihr nur sagen, was ich selber immer wieder zu hören bekomme, und an das ich mich klammere, um die Kraft zu erhalten, die ich immer wieder brauche, wenn ein Kind stirbt: «Tout ce que Dieu fait est bon » - alles was Gott macht ist gut.

Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner, dank Ihnen dürfen wir Tausenden von Menschen helfen und Hunderten ein «zu Hause» und eine Familie geben. Ich bin Ihnen aus ganzem Herzen dankbar. Gott segne Sie.                                                                                                                                                                                  

Mit meinem tiefsten Respekt
Lotti Latrous