Newsletter Juli 2024

Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner

Wie immer hoffe ich aus ganzem Herzen, dass Sie gesund und wohlauf sind. Mich selbst überschwemmt gerade eine grosse Traurigkeit. So viele Fragen ohne Antwort, so viel Ungerechtigkeit, so viele Zweifel und Wut kommen wieder in mir auf. Hunderte von Menschen waren in der letzten Zeit bei uns im Ambulatorium, die sich wie weggeworfen fühlten, so viel Missachtung begegnete ihnen bevor sie zu uns und endlich ihre Würde fanden, die man ihnen genom- men hatte. Auf der anderen Seite ein paar Gauner, die nur an sich und an ihren Reichtum denken und dabei immer mehr wollen. Die ohne jeglichen Skrupel akzeptieren, dass die armen Menschen verdrängt, verstossen und zur Seite gestellt werden. Die, ohne auch nur die geringste Scham, ihren Mitmenschen schaden. Die keinen Respekt vor nichts mehr haben, nicht einmal vor Gott. Aber ich weiss, dass die Letzten einmal die Ersten sein werden und das ist mein grosser Trost.

Sie werden sich fragen, liebe Gönnerinnen und Gönner, wieso so viele harte Worte, wieso so viel Traurigkeit? Warum ist Madame Lotti, die doch schon über 25 Jahre auf dem Kontinent lebt, wo die Ar- mut am Grössten ist, und die doch schon so viel Schweres gesehen hat, dermassen entmutigt. Es ist die Tatsache, dass ich zweifle. Daran, dass es eine Wende gibt. Dass ich realisiere, wie ungerecht die Welt wohl bleiben wird. Weil es auf der einen Seite einfach immer mehr von viel zu viel gibt und auf der anderen immer mehr von viel zu wenig. Und weil so viele Menschen nur an sich selber und nicht an das Wohlergehen aller denken.

In der Woche, in der ich diesen Brief schrieb, begleitete ich zwei Menschen in den Tod. Eine ganz junge Mutter, die an Krebs starb, und einen Mann, der seine Aids-Medikamente abgesetzt hatte und in der Folge an Tuberkulose, Nierenversagen und einem Hirntumor erkrankte. Gott hat beide nicht zu lange leiden lassen. Sie haben nun ihren Frieden, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben.

Gerne möchte ich Ihnen von zwei weiteren Schick- salen erzählen, die neue Wunden in meinem Herz hinterlassen haben. Ich weiss nicht, wie viele Wunden mein Herz noch ertragen kann, aber es scheint mir tapfer und stark zu sein. Und ich bin unendlich dankbar dafür. Allem voran dafür, dass es nie abgestumpft ist.

PAPA ALASSANE

Papa Alassane – sein Sohn trug ihn auf seinem Rücken zu uns

Papa Alassane ist 82 Jahre alt und lebte mit seiner Familie in Frieden in seinem Hof, den er vor 64 Jahren gebaut hatte. Er war ein fleissiger Arbeiter, Tag und Nacht hat er als Maurer geschuftet, um ein kleines Haus mit verschiedenen Zimmern bauen zu können. Dann kam ein erster Schicksalsschlag – seine Frau starb. Es folgte ein zweiter – er wurde blind. Und doch war er zufrieden. Jeden Morgen stand er auf und setzte sich vor seinem Häuschen auf einen Stuhl und die Grosskinder kamen, um ihn zu grüssen. Das Alter wird in Afrika sehr respektiert. Sie machten einen kleinen Knicks vor ihm, und auch wenn er dies nicht mehr sah, wusste er, wie sehr er von ihnen geschätzt wurde. Es war ihm eine Freude, sie spielen und streiten zu hören, wie auch deren Mütter, die wuschen, kochten und plauderten. Eine Tochter brachte ihm jeweils eine Schüssel voll mit Körnern, damit er die Hühner füttern konnte. Er hatte – trotz allem – ein schönes Leben. Er erzählte mir, dass er sechzehn Kinder hatte und dass Gott zwei von ihnen zurückgeholt hatte, und dass alles, was Gott macht, richtig ist – «Tout ce que Dieux fait est bon.» Papa Alassane ist klein – das Leben hat ihn ein bisschen gebeugt. Mit seinem weissen Bart und seinen weissen Haaren sieht er wunderschön aus! Und ein grosses Licht strahlt aus seinen erblindeten Augen. Er verkörpert den Ausdruck, dass die Augen der Spiegel der Seele sind, aufs Schönste.

Es war am Sonntag, dem zweiten Juni, als ihn sein Sohn Moussa zu uns begleitete. «Die Maschinen sind heute Nacht gekommen», erzählte er. Und weiter: «In der kommenden Nacht wird unser Hof samt Haus und Garten, wie die Höfe unserer Nachbarn auch, zertrümmert werden!» Die Menschen müssen ihr Heim verlassen, natürlich ohne irgendeine Entschä- digung, und sie wissen absolut nicht wohin. Papa Alassane konnte nicht viel mitnehmen von seinem Hab und Gut: Ein paar Tücher und seinen Stock konnte er retten. Und sein Leben. Wir hatten gerade ein freies Häuschen in unserem Village Ayobâ und ich machte mich daran, alles zu schrubben und zu putzen. Niemand hat mich aufgehalten. Denn meine Mitarbeitenden wissen, dass wenn Madame Lotti in einer furchtbaren Wut alles auseinandernimmt und putzt, man sie tun lassen muss, was sie nicht lassen kann. Denn man sieht ja ihre Tränen, und sie wissen, dass ihr Herz blutet, und dass kein einziges Wort sie beschwichtigen kann. Die Wut muss heraus. Das gelingt mir beim Putzen am besten.

Und da sitzt er nun, unser Papa Alassane, mitten in unserem wunderschönen kleinen Dorf, das seine Augen zwar nicht sehen können, aber er spürt das Wohlwollen und die Herzlichkeit von uns allen. Und das hilft ihm über seinen grössten Lebensschmerz hinweg. Traurig ist er, aber er lebt. Und sehr bald schon wird er von unseren Hühnern umgeben sein, die er füttern kann.

Wie Papa Alassane kamen sehr viele Menschen zu uns, die – wegen irgendwelchen städtebaulichen Ideen – ihr Heim verlassen mussten. Viele alte Menschen wurden von ihren Söhnen auf dem Rücken zu uns getragen. Wir hatten Angst, dass sie aus Kummer sterben würden. Andere brachte man in einer Schub- karre. Diese Menschen waren nicht krank, «nur» zutiefst erschüttert. Viele haben Zuflucht in Kirchen und Moscheen gefunden, andere in Schulen, die zur Zeit leer stehen, weil Ferien sind. Und wieder andere zügelten auf den Friedhof, sie seien ja eh schon halb tot, sagten sie. Und als ob das alles nicht schon Unheil genug wäre, ist gerade noch Regenzeit. Die Menschen leiden in einem Ausmass, das kaum vor- stellbar ist. Wir hatten in einer einzigen Woche über 1250 Menschen, die in meinem Büro um Rat und Hilfe baten. Die Armut ist unendlich gross geworden. So viele Menschen leben mit nicht einmal einem Dollar pro Tag. Die Strompreise haben sich verdreifacht, die Grundnahrungsmittel sind unerschwinglich teuer. Und wenn ich dann die neuen Bauten sehe, die Luxusboutiquen und die französischen Supermärkte, bin ich einfach nur noch traurig.

Letzte Habseligkeiten zwischen den Trümmern

AWA UND IHRE FÜNF GESCHWISTER

Awa ist 18 Jahre alt, sie hat fünf Geschwister: Hamed 16, Samira 15, Fadil 10 und die 7-jährigen Zwillinge Souman und Djennatou. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater hat die Familie verlassen. Sie leben in einer Ruine, ohne Strom, ohne Wasser. Awa und Samira arbeiten bei einer Frau, die ein Restaurant besitzt. Da putzen sie den ganzen Tag und am Abend gibt ihnen die Frau 1000 CFA, das sind umgerechnet in etwa 1 Franken 50, zusätzlich erhalten sie den Rest des Essens. Hamed arbeitet als Hilfsmaurer, um den Schwestern beim Geldverdienen zu helfen. Fadil bleibt «zu Hause», um die Kleineren zu hüten. Keins der Kinder geht mehr zur Schule. Früher, vor dem Tod der Mutter, wohnten sie in Adjouffou und besuchten den Unterricht. Doch seit der Geburt der Zwillinge wurden sie alle beschimpft und beleidigt. Man sagte, sie seien verfluchte Kinder, eine Satansbrut. Und dies, weil Souman, der kleinere Zwilling, mit einem Wasserkopf zur Welt kam.

Ich habe diese Kinder kennen gelernt, als uns jemand die kranke Samira brachte. Sie litt an einem schweren Malariaanfall, dazu unter Blutarmut und Hunger. Wir nahmen sie in unser Hospiz auf, pflegten sie. Unterdessen geht es ihr schon viel besser, sie ist überglücklich, in einem richtigen Bett mit Kissen und Laken zu schlafen! Ich sprach viel mit Awa, die mir erzählte, dass ihre Betten aus Kartons bestehen und als Decke ein paar alte Lumpen. Strom gibt es keinen. Sie machen nachts ein kleines Feuer und sammeln das Regenwasser. Die Ruine, in der sie leben, hat weder Tür noch Fenster, und ich fragte sie, ob sie denn keine Angst hätten, an diesem abgelegenen Ort. Sie antwortete mir mit einem kleinen Lächeln, dass das Gebet sie schütze.

Der 7-jährige Souman braucht dringend eine Operation, um seinen Wasserkopf zu heilen. Er blutet schon sehr oft aus der Nase und hat starke Kopfschmerzen. Wenn da nicht schnell geholfen wird, wird er unter ganz schlimmen Schmerzen sterben. Wenn ich die Liebe spüre, mit der Awa ihre Geschwister betreut, und dabei sehe, wie die sechs einander helfen und versuchen, sich irgendwie zurecht zu finden, steigt eben wieder diese Wut in meinem Bauch auf. Aber ich spüre auch die enorme Demut, die die Kinder an den Tag legen. Und ich bin so froh, haben sie den Weg zu uns gefunden. Wir werden uns um sie kümmern.

Betten aus Kartons und Lumpen

Alle diese Geschichten und Schicksale machen mich unendlich traurig. So traurig wie in meinen ersten Tagen hier, vielleicht sogar noch mehr als damals. Bin ich vielleicht mit dem Alter verletzlicher geworden? Oder aber hat die Armut so unendlich zugenommen, dass ich sie fast nicht mehr ertragen kann. Ich sehe sie jeden Tag, all die armen Menschen, die man verbergen will. Die man verjagt, damit man sie nicht mehr sieht.

Awa und ihr Geschwister vor ihrem «zu Hause»

Zum Glück erhalten wir immer wieder dieses wunderbare Lächeln von Müttern und deren geretteten Kindern. Sie sagen uns: «Macht weiter so, es ist gut!» Und wir haben unser grossartiges Personal, das uns beisteht, und wir haben unseren Glauben, der uns die nötige Kraft gibt. Damit wir, anstatt zu zerstören, aufbauen können, um unsere Welt ein ganz kleines bisschen besser zu machen.

Und all dies gelingt uns Dank Ihrer Hilfe, liebe Gönnerinnen, liebe Gönner. Ich werde nie genügend starke Worte finden, um Ihnen zu danken. Danke für Ihr Wohlwollen und Ihre Bereitschaft, mit uns zu sein. Gott segne Sie.

Bitte erhalten Sie meine innigsten Wünsche! Ihre, dem Leben und Ihnen dankbare,

Lotti Latrous